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Vortrag mit Diskussion: Bildungs-und Lerngeschichten- Auswirkungen des Ansatzes in der Praxis- Bericht vom 2.12.2008, 14.15 Uhr-15.45 Uhr, (Protokollantinnen: Sistiane Kruhl, Eva Krapp)
Leitung: Katja Fläming, M.A.( DJI München- Bildungs- und Lerngeschichten)

Frau Fläming stellt kurz ihre Tätigkeit im Rahmen des Projektes Bildungs- Und Lerngeschichten vor. Wir fassen die für uns wesentlichen Inhalte aus ihrem Vortrag zusammen.

Top 1: Präsentation- Bildungs- und Lerngeschichten und Auswirkungen

Top 2: Diskussion

Top 1: Was sind Bildungs- und Lerngeschichten?

Das Verfahren ist ein offenes Beobachtungsverfahren. Es hebt sich deutlich ab von der Vielfalt der schon vorhandenen Beobachtungsinstrumente. „Es geht darum den Kindern so unvoreingenommen wie möglich zuzuhören und zuzuschauen, wie sie lernen.“ Das Ziel der Methode ist, das Verständnis für den Sinn den das Kind mit seinen Handlungen verbindet, zu fördern. Das Verfahren ist darauf ausgelegt, die zukünftigen Bedürfnisse der Kinder zu sehen und Fördermaßnahmen zu entwickeln.
„Der Blick ist auf den Lernprozess gerichtet. Es geht nicht darum was die Kinder lernen, sondern wie sie lernen.“

Das Verfahren


  • Offene Beobachtung: Die Bildungs- und Lerngeschichten beginnen mit einer interpretationsfreien Beschreibung der Handlungen und Aktivitäten des jeweiligen Kindes.
  • Auswertung der Beobachtung mit Hilfe der Lerndispositionen: War das Kind engagiert (Merkmale)? , Ausdrucksform des Kindes , Herangehensweise bei Herausforderungen, etc.
  • Diskussion mit Kindern, Eltern, Kolleginnen über die
    Beobachtungen und Planung „nächster Schritte“
  • Verfassen einer Lerngeschichte : Die Lerngeschichte wird in Briefform verfasst und richtet sich direkt an das Kind. Die Geschichte beinhaltet eine Zusammenfassung der Lernprozesse des Kindes.
  • Dokumentation in Portfolios: Dokumentation der Lerngeschichte und ihrer Entstehung. Das Portfolio umfasst das gesamte Material, das mit der Lerngeschichte im Zusammenhang steht und ist die gängigste Dokumentationsform, um Lerngeschichten darzustellen.


    Beispiel einer Lerngeschichte

    Liebe Lina,

    in der letzten Zeit habe ich dich mehrfach beobachtet und
    aufgeschrieben, was du gemacht hast. Ich glaube, es interessiert
    dich sehr zu beobachten, wie die anderen Kinder im Sand spielen.
    Du findest es aufregend, sie zu beobachten und strengst Dich sehr
    an, alles genau zu sehen. Einmal hast du ganz lange beobachtet,
    wie die Kinder Sandkuchen gebacken haben und dich dann sehr
    gefreut, als sie fertig waren.
    Ein anderes Mal hast du zugeschaut, wie die anderen Kinder ein
    Planschbecken mit Wasser gefüllt haben. Nach einer Weile hast du
    dich getraut, deine Hand in das Wasser zu halten und mit den
    anderen Kindern zusammen Wasser zu spritzen. Da hast du nicht
    nur zugeschaut, sondern teilgenommen und mitgemacht und ich
    habe mich darüber sehr gefreut. Neulich habe ich dann auch
    gesehen, wie du in den Sandkasten gestiegen bist und mit Fred
    zusammen Matsch in ein Sandförmchen gefüllt hast. Das hast du zum ersten Mal gemacht. Du hast den Sand richtig angefasst. Vorher hast du immer am Rand des Sandkastens gestanden und den Sand nicht so gern gemocht. Du hast gelernt, wie sich der Sand anfühlt und was man alles damit tun kann. Ich glaube, gerade lernst du im Kindergarten, wie du es schaffst, die Dinge in die Hand zu nehmen und mitzumachen, wenn dich etwas interessiert.
    Deine Jule

    Zentrale Merkmale der Bildungs-und Lerngeschichten

    • Es geht um „Geschichten“ Das Verfahren nutzt die Merkmale von Geschichten, um Kinder besser zu verstehen. Geschichten im Allgemeinen behandeln einen längeren Zeitraum und es wird nur erwähnt, was wirklich wichtig ist. Die Geschichten sollten nicht nur die Handlung selbst beschreiben, sondern auch Vorstellungen und Gefühle der beobachtenden Person und des Kindes thematisieren.
    • Kommunikation und Dialog zwischen allen Beteiligten sind wesentliche Merkmale der Bildungs- und Lerngeschichten. Das Gespräch fördert das Verständnis der Geschichten. Die Beobachtung alleine reicht nicht aus. Um neue Erkenntnisse zu erwerben, die dann in die Lerngeschichte mit einfließen, muss die Mitschrift mit dem Kind, Eltern oder Fachleuten besprochen werden.
    • Ressourcenorientierung beschreibt die bewusste Suche nach Stärken und Interessen des Kindes, um diese als Ausgangspunkt für die Unterstützung des Kindes zu nehmen. Margaret Carr( Begründerin der Bildungs- und Lerngeschichten): „ Lerngeschichten werden geschrieben, um Kindern das Gefühl zu geben kompetente Personen zu sein, die etwas bewirken können, die gut lernen können.“ Der Sinn- und Zweck von Lerngeschichten besteht darin, positive Rückmeldung zu geben und die Kinder in ihrer Selbstwirksamkeit und ihrem Selbstwertgefühl zu stärken.
    • Anwendbarkeit in der Praxis Das Beobachtungsverfahren der Bildungs- und Lerngeschichten wurde in Neuseeland aus der Praxis heraus entwickelt. Es fand keine systematische Entwicklung, basierend auf wissenschaftlichen Methoden, statt. Die Beobachtungsmethode beruht überwiegend auf den Erfahrungen von Fachkräften. Sie ermöglicht einen Einstieg auf „niedrigem Niveau“ und setzt kein umfassendes, diagnostisches und entwicklungspsychologisches Wissen voraus.

    „Die Merkmale werden in dem Verfahren der Bildungs- und Lerngeschichten genutzt, um den Sinn und der Bedeutung auf die Spur zu kommen, die Kinder mit ihren Handlungen verbinden.“

    Erfahrungen aus der Praxis

    Auswirkungen bei pädagogischen Fachkräften
    Der Blick auf das Kind verändert sich und das Verständnis für die Handlungen des Kindes wächst. Erzieherinnen berichten, dass sich ihre Achtung vor dem Kind und seinen Leistungen durch die Bildungs- und Lerngeschichten gesteigert hat.
    Die Bildungs- und Lerngeschichten bieten einen ganzheitlichen Überblick über den Wissensfundus eines Kindes. Sie zeigen auf, welche Fertigkeiten und Fähigkeiten es besitzt und tragen dazu bei, das Kind besser kennenlernen.
    Fachleute bestätigen, dass eine intensivere Wahrnehmung des einzelnen Kindes stattfindet.
    Des Weiteren erleichtert das Verfahren den Umgang der Erzieher(innen) mit den Eltern und führt zu häufigen Gesprächen ihnen.
    Die Beobachtungen bieten eine gute Basis für die Elterngespräche und verändern den Ablauf der Gespräche positiv.

    Auswirkungen bei den Kindern
    Die Kinder genießen die Achtung und Wertschätzung, die ihnen durch das Beobachtungsverfahren entgegengebracht werden.
    Spontane Gespräche mit der Erzieherin
    werden häufiger beobachtet.
    Die Kinder werden für die Handlungen und
    Kompetenzen anderer Kinder
    sensibilisiert und die Selbstwahrnehmung und
    die Selbstwirksamkeit werden positiv beeinflusst.
    Die Kinder beziehen das Beobachtungsverfahren in ihrem Spiel mit ein, Bsp. Sie setzen sich neben die Erzieherin und beobachten mit oder nehmen sich selbst einen Zettel und Stift und ahmen den Ablauf der Beobachtung nach. Die Kinder bemerken das Interesse an der eigenen Person, an ihren Handlungen und Fähigkeiten, entwickeln dadurch mehr Selbstvertrauen und werden aufgeschlossener.

    Auswirkungen bei den Eltern
    Die Eltern reagieren positiv und emotional auf die Bildungs-und Lerngeschichten. Das Verfahren ermöglicht den Eltern einen detailierten Einblick in den Tagesablauf ihres Kindes und fördert das Vertrauen in die Einrichtung. Es gibt den Eltern eine regelmäßige Zusammenfassung von Informationen und bezieht sie ins Geschehen mit ein. „Jedes einzelne Kind wird so genommen, wie es ist.“ Die Erzieher bringen über das Kind auch den Eltern eine besondere Aufmerksamkeit entgegen und vermitteln ihnen das Gefühl, auch selbst wahrgenommen zu werden.

    Auswirkungen auf Organisation und Struktur
    Die Bildungs-und Lerngeschichten regen zu einer Veränderung der Raumgestaltung und Raumaufteilung in der KiTa an. Die Erzieherinnen haben eine genauere Vorstellung von den Bedürfnissen der Kinder und können dementsprechend die Räume gestalten. Um dem Verfahren mehr Raum zu bieten, entscheiden sich immer mehr Einrichtungen für eine „Offene Arbeit“. Bei der „Offenen Arbeit „ werden die üblichen Stammgruppen aufgelöst und den Kindern die Möglichkeit eingeräumt, sich freigewählten Spielgruppen anzuschließen und sich mit selbstgewählten Aktivitäten zu beschäftigen.
    Das Verfahren wirkt sich auch auf die Dienstplangestaltung aus. Es werden flexiblere Modelle erstellt und Zeiten für einen Beobachtungsaustausch eingeplant.

    Top 2: Diskussion

    Die Teilnehmenden der Veranstaltung bekommen die Möglichkeit, Fragen und Kritik am Verfahren in einer Diskussionsrunde zu äußern.

    Folgende Fragen wurden eingebracht:

  • Gibt es Erfahrungen bei denen Bildungs-und Lerngeschichten auch in Grundschulen eingesetzt werden?
  • -Es gibt einige Projekte. Frau Fläming hat sich in ihrem Forschungsbereich mit diesem Thema allerdings nicht beschäftigt.

  • Welche Beispiele gibt es für die Beeinflussung der Raumgestaltung durch Bildungs- und Lerngeschichten?
  • -Gartenumgestaltung in Chemnitz. Durch das Schreiben der Lerngeschichten im Garten, konnten die Erzieherinnen die Kinder intensiv in ihrem Umfeld beobachten und haben dann beschlossen den Garten, auf die Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten, umzugestalten.

  • Kann der Handlungsweg eines Kindes wirklich verstanden oder doch eher nur gedeutet werden?
  • - Bei diesem Verfahren geht es um das Deuten der Handlungen. Man kann die Interessen des Kindes nie ganz verstehen.

  • Einwand: das Verfahren ermöglicht, dass der Gesprächsaustausch mit dem Kind häufiger stattfindet und die Erzieherinnen dadurch mit dem Kind gemeinsam weitere Lernschritte planen können.
  • Wem gehört diese Lerngeschichte?
  • -Die Geschichte gehört dem Kind und der Familie des Kindes. Die Kinder bekommen die Lerngeschichten nach der KiTa- Zeit mit nach Hause und können bei Bedarf die Geschichten lesen und haben einen detailierte Zusammenfassung ihrer Lernerfolge.

  • Wann schreibt man die Lerngeschichten?
  • - Je nach Bundesland und Einrichtung gibt es auch unterschiedliche Verfügungszeiten. Viele Erzieherinnen schreiben die Geschichten in der Mittagspause oder nehmen sich vor Beginn des Arbeitstages dafür Zeit. Dennoch stellt die erforderliche Verfügungszeit für das Verfahren ein grundsätzliches Problem dar.

  • Wie wird das Beobachten trainiert?
  • - Wir bieten Fortbildungen für das gesamte Team an. Ein Schwerpunkt dieser Fortbildungen ist das Kontrollieren von Interpretationen in den Geschichten.“ Es darf nicht zu sehr interpretiert werden, was das Kind will.“ Das Training findet an einem Vormittag statt und es wird gezielt „freies Schreiben“ geübt.

  • Welche Möglichkeiten haben die Kinder sich gegen falsche Beobachtungen/ Interpretationen zu wehren?
  • - Nach der Beobachtung findet ein Dialog mit dem Kind statt. Dabei hat das Kind die Möglichkeit, die eigenen Empfindungen einzubringen. Auch eine fertige Lerngeschichte kann nach Einwänden des Kindes geändert werden.

  • Praktische Einführung des Verfahrens. Wie ist die Erfahrung, was die Dauer der Umstellung auf das Verfahren betrifft?
  • - Die Dauer der Einstellung beträgt ca. 1 Jahr. Es braucht Zeit, sich als Team in Ruhe mit dem Verfahren auseinanderzusetzen und sich darauf einzulassen.

  • Welche Gefahr besteht, dass in der Praxis des Verfahrens auch Kinder verloren gehen,bzw. übersehen werden?
  • -Das regelmäßige Führen von Übersichtslisten über bereits stattgefundene Beobachtungen verhindert, dass Kinder bei der Durchführung der Beobachtungen übersehen werden.

    Bildungs- und Lerngeschichten – Erfahrungen aus der Praxis

    Katja Flämig DJI

     

    Katja Flämig vom DJI am 2.12 während ihres Vortrages zu den Erfahrungen

    mit den Bildungs- und Lerngeschichten in der Praxis

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