Workshop: Die Bedeutung der Fotografie für die Beobachtung und Dokumentation von Bildungsprozessen, Bericht vom 13.01.2009, 14.15 Uhr- 15.45 Uhr

( Protokollantinnen: Sistiane Kruhl, Eva Krapp )

Leitung: Verw.- Prof. Dr. Stefan Brée (HAWK Hildesheim)

Anhand einer Powerpoint-Präsentation führt Herr Dr. Stefan Brée in das Thema der Veranstaltung ein und gibt einen kurzen Überblick über den Ablauf des Workshops. Wir fassen die für uns wesentlichen Inhalte des Vortrages zusammen.

Bildungsfotografie als gestalteter Blick

Herr Dr. Brée berichtet von einem Besuch 1999 in Reggio Emila im Kindergarten Gianni Rodari, bei dem er auf ein Dokumentationsheft gestoßen ist, das auf 19 Fotografien einen 17 Monate alten Junge bei der intensiven Untersuchung einer Fahrradfelge zeigt.

Zu der Schwarz/Weiß- Fotodokumenation gibt es keine Textkommentierung. Der Erfahrungsprozess des Kindes wird alleine durch die bildästhetische Gestaltung für den Betrachtenden nachvollziehbar.

Ästhetische Überlegungen

Visuelle Dokumentationstradition

Herr Dr. Brée präsentiert ein Beispiel für traditionelle Dokumentationsformen, die immer noch weit verbreitet in KiTas und Schulen zu finden sind. Es werden keine tieferen Einblicke in kindliche Bildungsweisen zugelassen und die Bildgestaltung zeigt vordergründig Übersichten und vernachlässigt dabei die Details oder zusammenhängende Handlungsfolgen.

„Ästhetik von Fotoalben- Stereotype Darstellung und Symbole”

Fotografie bedeutet etwas hervorheben- ästhetische Aspekte von Bildungsfotografie

Die Bildfolge „La Ruota di Matteo” zeigt einen mehrfachen Perspektivenwechsel. Herr Dr. Brée geht intensiv auf die Bildkomposition ein und betont welche Auswirkungen die Art der Bildgestaltung auf den Betrachter und auf das Nachvollziehen der einzelnen Handlungsschritte des Kindes hat.

Herr Dr. Brée gibt an, dass diese Fotografien, die gestalteten Blicke des Fotografen auf die Haltungen und auf das pädagogische Konzept der Reggiopädagogik verweisen.

Die Dramaturgie der Bildsprache entspricht der Dramaturgie des Bildungsprozesses.

Bildungsdokumentationen

Bildungsdokumentationen sind Mitteilungen über wahrgenommene Bildungsweisen von Kindern und deren Interpretation. Durch sinnvoll zusammengestellte Kombinationen von Bildern, Dokumenten und Texten werden Handlungsmuster sichtbar und mögliche Erklärungen angeboten. (n. Kazemi-Veisari)

„Schuh und Meter” (Bildungsdokumentation aus Reggio Emilia)

Lerngeschichte als Bildungsroman: Am Beispiel der Lerngeschichte wird gezeigt, wie sinnvoll Texte, Dokumente und Bilder in einer Bildungsdokumentation zusammengestellt werden können. Anhand der Zusammenstellung lassen sich Kommentare der Kinder, Beschreibungen des Geschehens und Interpretationen der Pädagogen klar voneinander unterscheiden. Die Bildungsdokumentation des Projektes ist als eine Art Fotogeschichte gestaltet und  erinnert an einen Bildungsroman.

“Durch die Einführung von Beobachtungs- und Interpretationsmodellen werden diese Formen des Dokumentierens zunehmend vertrauter. Für die Aus- und Weiterbildung bleibt die Herausforderung Fachkräfte dabei zu unterstützen, Bildungsprozesse wahrzunehmen und zu interpretieren und in der Folge Bildungsdokumentationen visuell und sprachlich ausgewogen zusammenzustellen.” ( Dr.Brée)

Portfolio und Wanddokumentation (sprechende Wände) bilden ein zusammenhängendes System des Dialogs über Bildungsprozesse

Die Visualisierung und Versprachlichung als dokumentarische Arbeit vertieft das Verstehen von Bildungsprozessen und ist ein Ausdruck von wechselseitiger Wertschätzung.

Experiment

Um dem Zusammenhang von visueller und sprachlicher Erschließung nachzuspüren, findet im weiteren Verlauf ein Experiment statt. Die Teilnehmenden haben zu Beginn der Veranstaltung rote oder blaue Farbbrillen erhalten, mit denen sie nun einen auf der Leinwand abgebildeten Spruch zu lesen versuchen. Schnell stellt sich heraus, dass bei aufgesetzter Farbbrille lediglich einzelne Buchstaben erscheinen. Erst beim Austausch mit dem Nachbarn, der die farblich andere Brille trägt, ist es möglich die einzelnen Buchstaben zu einem zusammenhängenden Satz, den blinden Fleck kann keiner sehen, zu verbinden.

Übung/Versuch

Aufgabe für die Arbeitsgruppen (30 Min.)

Wählen Sie aus 6 Fotografien der Serie 4 Bilder aus und erstellen sie eine kleine Bildungsdokumentation aus Fotos und Texten auf ihrer Moderationswand

  • Beschreiben und interpretieren Sie angemessen, welcher Bildungsprozess auf den ausgewählten Fotografien beobachtet   werden kann
  • Achten Sie darauf, wie Sie Text und Bild und damit den Gesamteindruck des beobachteten Bildungsprozesses gestalten

Präsentation/Diskussion

Die 6 Gruppen stellen ihre Ergebnisse vor:

Gruppe 1

Eine Jungengruppe gestaltet gemeinsam ein Objekt.

Die Bilder werden analysiert und interpretiert. Die Gruppe versucht sich an bestimmten Fragen zu orientieren:

  • Was tun die Kinder?
  • Welche Rolle spielen sie im Geschehen?
  • Wer ist der Protagonist und gibt es überhaupt einen Protagonisten?
  • Wo befindet sich der „Blinde Fleck”?

Die Gruppe beschreibt die Schwierigkeiten beider  Aufgabebearbeitung: „Es ist schwierig zu erkennen, welches Objekt gebaut wird und ob die Dokumentation auf die Gruppe oder auf einen Jungen bezogen ist.”

Handeln/ Beobachten/Unterstützen /Erklären = gemeinsam Lernen

Bildbeschriftung

  • Lernen durch Beobachten eigener Bildungsprozesse
  • Unterstützendes Beobachten und Handeln
  • Einzeln und gemeinsam Handeln
  • Eigene Ideen und Ansichten erklären

Gruppe 2- Raketenbau

„ Die Jungs haben sich vorgenommen eine Rakete zu bauen”

Auf den Fotos sind 2 Jungen zu sehen, die ein Objekt aus Pappe bauen.

Die Gruppe kommt zu dem Ergebnis, dass es sich dabei um Partnerarbeit zwischen 2 Kindern handelt.

Die Gruppe hat sich ausschließlich mit der Beschreibung der Bilder beschäftigt.

„Kinder in dem Alter planen und nehmen sich gezielt etwas vor.”

Es werden die Bilder ausgewählt, die am aussagekräftigsten sind.

In der Gruppe entwickelt sich die Diskussionsfrage: Was kann ich in die Bilder hineininterpretieren und wo sind mir Grenzen gesetzt?

  • Material- Erfahrung
  • gemeinsame Planung und Absprache
  • Umgang mit Messer und Schere
  • Arbeitsteilung/Teamwork
  • Erfolg, Freude am Endprodukt
  • Durchhaltevermögen

Gruppe 3

Die Auswahl der Bilder richtet sich nach dem Perspektivwechsel. Ähnliche Bilder werden aussortiert.

Die Bilddokumentation wird in Interpretation und dargestellte Handlungen eingeteilt.

Es wurde überlegt, welche Bildungsprozesse mit der Dokumentation aufgenommen worden sind. Die verschiedenen Sichtweisen bei der Interpretation werden in einer kontroversen Diskussion gegenübergestellt und ausgewertet.

Die Gruppe betont zum Scluss, dass eine Filmfrequenz für das Interpretieren der Dokumentation ergiebiger gewesen wäre.

Gruppe 4 – Ein Junge und ein Mädchen füllen Rosinen in Wassergläser

Die Gruppe hat sich als Erstes mit der Beschreibung der Bilder befasst und sich dann mit den Schwierigkeiten der Interpretation auseinandergesetzt.

Die Gruppe betrachtet jedes Bild einzeln und richtet sich bei der Beschreibung und der Interpretation nach ihren Fragen.

  • Wie funktioniert das Experiment?
  • Was passiert mit den Rosinen?
  • Was fragen sich die Kinder?
  • Was denken die Kinder?

Gruppe 5 – Partnerarbeit  ( Kinder spielen mit einem Reifen)

Die Gruppe empfindet die korrekte Auswahl der Bilder als schwieriger, als das darauf folgende Beschriften.

Die verschiedenen Interpretationen wurden durchgesprochen und eingehend diskutiert.

Bildbeschriftung

  • Was kann man mit dem Reifen machen? Kommunikation (verbal,gestisch)
  • „Wir spielen Zirkus” (Bewegung/ Aktion /Spaß)
  • „Jetzt bin ich aber dran” (Konflikt und Einigung)
  • „Olé” (Wechsel/Spaß)

Gruppe 6  -Neuer Boden unter den Füßen

Auf der Moderationswand sind Bilder von Kindern zu sehen, die in Bewegung sind. Ein Mädchen beobachtet die anderen Kinder und traut sich nicht richtig mitzumachen. Doch auf den weiteren Fotos kann man erkennen, dass sie es den Kindern nachmacht, mitmacht und sich auf dem letzten Foto alleine traut. Die Gruppe kommt zu dem Entschluss, dass Lernen durch Nachmachen, Mitmachen und Beobachten stattfindet.