Erkenntnisse aus dem Projekt Beobachtung und Erziehungspartnerschaft, Bericht vom 27.01.2009, 14.15 Uhr- 15.45 Uhr (Protokollantinnen: Sistiane Kruhl, Eva Krapp)

Leitung: Prof. Dr. Susanne Viernickel (ASFH Berlin)

Der Vortrag von Frau Dr. Viernickel stellt Forschungsergebnisse vor und zeigt auf, wie die Arbeit mit stärkenorientierten Beobachtungsverfahren die Kommunikation mit Kindern verändern und die pädagogische Praxis beeinflussen kann. Wir fassen die aus unserer Sicht wesentlichen Aspekte zusammen.

Aufbau des Vortrages

TOP 1. Einblick in das Projekt Beobachtungs- und Erziehungspartnerschaft

TOP 2. Beobachtung, Dialogkultur und kindliche Entwicklungen

  • Überlegungen/Begründungen; Warum gilt Beobachtung als zentrales Element pädagogischer Fachlichkeit?
  • Zusammenhang zwischen Beobachtung und dem Herstellen von einer Gesprächs-Dialogkultur in Kindertageseinrichtungen

TOP 3. Ausgewählte Ergebnisse wissenschaftlichen Begleitung

  • Wertvolle Dialogerlebnisse
  • Veränderungen/Entwicklung durch das Projekt

Zu TOP 1: Einblick in das Projekt „Beobachtungs- und Erziehungspartnerschaft”

Das Projekt „Beobachtung -und Erziehungswissenschaft” wurde vor 3 Jahren begonnen und hat eine Laufzeit von insgesamt 4 Jahren. Im Rahmen des Projektes werden 27 Kindertages-einrichtungen und ca. 250 pädagogische Fachkräfte bei der Einführung des Beobachtungs-verfahrens und beim Aufbau konstruktiver Erziehungspartnerschaften mit Eltern begleitet.

Das Projekt ist eins von 7 Projekten der „offensiven Bildung”, einer  Initiative der BASF SE, die die Verbesserung der Bildungssituation von Kindern – schwerpunktmäßig im Alter von bis zu 6 Jahren – in der Metropolregion Rhein-Neckar zum Ziel hat. Das Projekt ist trägerübergreifend: Beteiligt sind die Kommune und die evangelischen und katholischen Trägerorganisationen. Ein Träger ist immer für ein bestimmtes Teil-Projekt verantwortlich.

Aufbau des Projektes

Das Projekt besteht aus drei Zyklen, die jeweils 1 Jahr dauern. In diesem Jahr werden 9 KiTas begleitet und bei der Einführung von Beobachtungsverfahren durch Fortbildungen, direkt im Team, unterstützt.

Die erste Säule des Projektes bilden Projektarbeitstreffen, bei denen die Projektarbeiter in die KiTas gehen und mit den pädagogischen Fachkräften arbeiten.  Im Vordergrund stehen hierbei die Auseinandersetzung mit dem Beobachtungsverfahren und die Besprechung von Portfoliodokumentationen.

Die zweite Säule sind KiTa-übergreifende Projektfortbildungen. Die Fortbildungen dienen dem Erfahrungsaustausch und der gegenseitigen Unterstützung.

Ein weiterer wichtiger Teil der Projektfortbildungen ist die Diskussion  von Fragen:

-Wie lernen Kinder?

-Wie entwickeln sich Kinder?

-Was sind die Meilensteine der Entwicklung?

-Was sind die aktuellen Kenntnisse im Bereich Lernverhalten von Kindern?

-Wie kann ich meine pädagogische Praxis mit einem analytischen, kritischen Blick betrachten

und daraus Schlüsse für eine Veränderung ziehen, um ein Näherkommen an die

Bildungsprozesse und die Unterstützung dieser Prozesse zu ermöglichen?

In der Projektphilosophie stehen 3 Eckpunkte im Vordergrund:

1. Beobachtung als Beachtung

Beim Beobachten wird den Kindern Beachtung und Aufmerksamkeit entgegengebracht. Sie  reagieren sehr positiv auf die Beobachtung und fühlen sich ernst genommen. „Die Beachtung die durch das Beobachten entsteht und dem Kind zuteil wird, nutzen wir für die Stärkung einer positiven Beziehung zwischen Kind und ErzieherIn und für die Unterstützung des kindlichen Vertrauens in seine eigenen Fähigkeiten und Lernwege.” (Zitat aus dem Vortrag, Frau Dr. Viernickel)

2. An den Stärken von Kindern ansetzen

Durch das Interesse am Tun und Handeln, den Stärken und Fähigkeiten eines Kindes wird es in seiner Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung positiv unterstützt. Kinder in ihren Stärken zu unterstützen, heißt auch, sie in ihrem positiven Bild von sich selbst durch Wertschätzung zu unterstützen. Die Kinder bekommen das Gefühl vermittelt, dass sie selbst für ihr Handeln verantwortlich sind, demnach aber auch ihre Ziele erreichen und etwas bewirken können.

In der Psychologie wird diese Überzeugung in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten  als „Selbstwirksamkeit” bezeichnet.

3. Orientierung an Dialog und Partizipation

Das Projekt arbeitet mit den Fachkräften und an der eigenen Arbeit daran, die subjektive Perspektive und die  Wahrnehmung aller Beteiligten in einem Prozess anzuerkennen und mit einzubeziehen. Notwendig dafür ist die innere Bereitschaft,  Pädagogik und pädagogisches Handeln als etwas zu verstehen, das nicht einseitig geschieht, sondern immer ein gemeinsamer Herstellungsprozess ist, an dem alle, sowohl das Kind als auch das Projektteam und die Fachkräfte (Pädagogen), beteiligt sind. Diese Gleichberechtigung setzt auch eine Transparenz voraus, durch die offen dargelegt wird, wo die eigenen Ziele und Absichten liegen.

Aus der Projektphilosophie heraus entstand die Frage: Welche Beobachtungsverfahren eignen sich für das Projekt?

In dem Projekt wurden Ressourcenorientierte Verfahren,  wie z.B. die Lerngeschichten eingesetzt bei denen das Kind als kompetenter Lerner gesehen wird, der sich aktiv seine Vorstellung von der Welt aneignet, und die an den Stärken und Fähigkeiten der Kinder ansetzen. Die Entwicklungs-Dokumentation steht bei allen Verfahren im Vordergrund. Die Kinder werden bei den Beobachtungsverfahren aktiv in die Auseinandersetzung mit den eigenen Lernprozessen mit einbezogen.

Zu TOP 2: Beobachtung, Dialogkultur und kindliche Entwicklungen

Der Austausch/ Dialog zwischen ErzieherIn und Kind ist ein wesentlicher Bestandteil der Bildungs- und Lerngeschichten. Das Vorlesen der Geschichten bietet eine gute Möglichkeit, um mit dem Kind in den Dialog zu treten. Das Kind empfindet die Lerngeschichte als etwas ganz Besonderes. Die Geschichte ist eigens für das Kind geschrieben und es fühlt sich dadurch in seinen Interessen bestärkt und anerkannt. Die ErzieherIn kann in dieser Situation  gemeinsam mit dem Kind weitere Schritte im Lernprozess überlegen.

Frau Dr. Viernickel sieht den sozialen Austausch als Bedingung für die erfolgreiche Auseinandersetzung mit der Welt und auch für die erfolgreiche Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit .Über den Austausch wird dem Kind gespiegelt, welche Reaktionen von außen kommen und wie das Kind von der Familie gesehen wird. Es findet eine Integration ins Selbstbild statt. Im Laufe der Zeit gestaltet sich das Kind somit ein Bild von seiner Umwelt und auch von sich Selbst.

Bei diesen Prozessen spielt Intersubjektivität eine wichtige Rolle – die Perspektive des Anderen verstehen lernen. Dieses „verstehen lernen” ist eine Entwicklungsaufgabe für jedes Kind, aber auch ein Lernprozess für Erwachsene, die es oftmals vernachlässigen, die Perspektive des Kindes einzunehmen. Sie meinen nicht selten, genau zu wissen, was das Kind denkt und was für das Kind das Beste ist. Eine pädagogische Fachkraft sollte ein tiefes Verständnis für die Vorstellungen und Gedanken des Kindes entwickeln. Dieses Verständnis lässt sich nicht theoretisch entwickeln, es kann nur aus dem Interesse am einzelnen Kind entstehen.

Seit wenigen Jahren ist empirisch belegt, dass sprachliche Interaktion auch ein Erfolgsfaktor für gelingende Entwicklungs- und Bildungsverläufe ist. Nicht nur die Interaktion in der Familie spielt eine Rolle, sondern auch was in KiTas an sprachlicher Anregung und an Sprachvorbild angeboten wird.

Eine große Studie in Großbritannien hat Fallstudien in einzelnen KiTas, die besonders erfolgreich in der Förderung der Kinder waren, durchgeführt. In den besten Einrichtungen zeigte sich ein regelmäßig intensiver, gedanklicher Austausch mit den Kindern. Es wurden Themen besprochen, die vom gemeinsamen Interesse für Kinder und ErzieherInnen waren. Diese Auseinandersetzung haben die Forscher mit „sustained shared thinking” bezeichnet

Interaktion ist nicht nur für die stabile Persönlichkeitsentwicklung und Konstruktion von Bedeutung von großer Wichtigkeit, sondern auch für die sprachlichen und kognitiven Lernprozesse. Auch wichtig für das „gemeinsame Denken”, ist eine Gleichwertigkeit zwischen Erzieherin und Kind herzustellen.

Die Studien haben weiter gezeigt, wie wichtig das Lernen am Modell ist.  Das Interesse der Fachkräfte wirkt sich positiv auf das Interesse und das Engagement der Kinder aus; Pädagogische Fachkräfte fungieren als Modelle in der Sprache, Umgangsformen und der Haltung gegenüber dem Lernen („nicht die Allwissenden zu sein”).

Aus den  Untersuchungen wurde deutlich, dass in den Kitas allgemein  zu wenig gesprochen wird und die Gespräche  nicht bewusst genug gestaltet werden, um diese Bildungsprozesse auch zu initiieren.

 

Zu TOP 3: Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung

Das Ziel der Studie war, Antworten auf folgende Fragen zu finden:

-Was passiert in den Einrichtungen, wenn wir die Bildungs- und Lerngeschichten

unterstützend in den Einrichtungen einführen?

- Gibt es eine Veränderung im Hinblick auf Dialogbereitschaft?

- Wo liegen die Potenziale des Verfahrens zur Verbesserung der ErzieherIn- Kind Interaktion?

- Was passiert bei systematischer Beobachtung?

- Wie findet dann die gemeinsame Auswertung der Beobachtung mit den Kindern statt?

Die vorgetragenen Ergebnisse beziehen sich auf die Einrichtungen des 1. Zyklus.

Die Antworten stammen von 95 Fachkräften aus den 9 Einrichtungen.

Das Material wurde nach einigen kriterienleitenden Fragen ausgewertet, z. B. von welchen Erfahrungs- und Beobachtungssituationen berichten uns die ErzieherInnen?  Welche Verhaltensveränderungen nehmen die ErzieherInnen bei den Kindern wahr? Wie werden die Beobachtungen ausgewertet?

Die ErzieherInnen berichten, dass es im Zusammenhang mit der Beobachtung zu „Momenten intensiver Interaktion” gekommen ist. Das Kind steht während der Interaktion im Mittelpunkt. Beide Seiten, Kinder, als auch ErzieherInnen, erleben diese Gespräche als besondere Momente.

Es wurden acht Kernsituationen in dieser Interaktion beschrieben:

1. Wie leite ich eine Beobachtung ein?

Frage an das Kind: Darf ich dich überhaupt beobachten? Hierbei geht es nicht um Kontrolle oder Reglementierung. Das Kind trifft die Entscheidung, ob es die Beobachtung möchte oder nicht.

2. Das Gespräch im Anschluss der Beobachtung

- Vergewisserung: Haben beide die Situation gleich wahrgenommen?

-Kind und ErzieherIn sollten versuchen gemeinsam die Sicht der Dinge zu konstruieren und rückblickend das Ganze sprachlich darzustellen.

3. „Ich erklär dir das jetzt mal”

Das Kind wird Experte seiner eigenen Bildungs- und Lerngeschichte.

Die Schwierigkeiten für das Kind bestehen bei der sprachlichen Rekonstruktion des Lernprozesses, bzw. der Beobachtung.

4. „Ich möchte wissen was du denkst”

Kinderinterviews werden als Einstieg für den gemeinsamen Dialog genutzt.

Die Kinderinterviews werden aufgezeichnet und in das Portfolio des Kindes mit einbezogen.

Sie betreffen die Interessen, Lieblingsbeschäftigungen, Ideen und auch Freundschaften der Kinder.

5. „Seine Offenheit hat mich überrascht”

Die Kinder nehmen sich als kompetente Partner war und entwickeln dadurch eine größere Offenheit gegenüber den ErzieherInnen. Die Fachkräfte berichten von vertraulichen Situationen.

6.” Was machst du denn da”

Auch außerhalb der systematisch geplanten Beobachtung entdecken die ErzieherInnen bestimmte Interessen oder Aktivitäten der Kinder. Der geschärfte Blick, geprägt durch die anderen Beobachtungen und die Bildungs- und Lerngeschichten, richtet sich auch auf andere Situationen.

7. „Ich musste mein ganzes Gehirn umdrehen”

„Die Kinder haben Spaß daran mit mir gemeinsam an Sachen weiter zu denken und in eine Diskussion rein zu gehen.” (Aussage einer ErzieherIn)

Das Kind hat im Austausch mit der Erzieherin seine Perspektive geändert und sich bemüht, die Sache auch von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. Es erlebt das Gespräch mit den Erwachsenen als intellektuelle Herausforderung.

8. „Ich freue mich, dass wir so gut miteinander sprechen können.”

Die Freude über ein gelungenes Gespräch mit dem Kind wird für ein weiteres Gespräch genutzt. (Über das Gespräch ins Gespräch kommen)

 

Empirische Ergebnisse:

Der Großteil der Fachkräfte berichtet von einem veränderten Bild vom Kind nach der Teilnahme am Projekt „Beobachtungs- und Erziehungspartnerschaft.”

Bei der Frage: „Finden Besprechungen mit dem Kind statt, nachdem  eine Lerngeschichte geschrieben wurde?” berichteten 63% von regelmäßigen Gesprächen mit den Kindern basierend auf den Lerngeschichten. Die restlichen 37% nutzen die Geschichten gelegentlich für den Austausch mit den Kindern.

Bei der Frage: „Wie informieren sie die Kinder darüber, dass Sie beobachten?” Gibt fast die Hälfte der befragten Fachkräfte an, die Kinder vor der Beobachtung um Erlaubnis zu fragen.

53% nutzen Kennzeichen, wie z.B. ein Tuch, um auf ihre beobachtende Rolle aufmerksam zu machen.

Ein Drittel der Fachkräfte nutzt die Beobachtungsnotizen für ein anschließendes Gespräch mit dem Kind. Die Hälfte der ErzieherInnen lesen den Kindern die Beobachtungsnotizen vor und bieten den Kindern die Möglichkeit für ein Feedback. Lediglich 16% sehen kein Potenzial in den Notizen, um mit den Kindern in den Dialog zu treten.

Fazit und Ausblick Die gestützte Einführung von stärkenorientierten Beobachtungsverfahren führt zu bedeutsamen Veränderungen in Einrichtungen und kann damit auch eine Kultur des Dialogs fördern. Die Gespräche über Beobachtungssituationen stärken die Beziehung zwischen ErzieherIn und Kind und sind wertvolle Bildungsgelegenheiten. Dadurch, dass die Kinder das Gefühl vermittelt bekommen von anderen akzeptiert zu werden, führt die Kultur des Dialogs zu einer positiven Selbstachtung der Kinder. Der von den Kindern wahrgenommene hierarchische Abstand zwischen ihnen und den Erwachsenen verringert sich.

Diskussion

Frau Viernickel geht im Anschluss auf Fragen und Anmerkungen der Teilnehmer ein. Diese beziehen sich unter anderem auf die Reaktion der Fachkräfte in den KiTas und der Eltern auf das Projekt, den Bildungsbereich, der mit dem Projekt angesprochen wird und auf den durch das Projekt hervorgerufenen veränderten Dialog zwischen Fachkräften und Kindern, aber auch zwischen den Fachkräften und den Eltern.