Archive for Juli, 2009

Bewegung im Übergangsraum der Kindergruppe

Vortrag von Prof. Dr. Holger Brandes, EHS Dresden vom 19.5.2009, 14.15 bis 15.45 Uhr

Ergebnisprotokoll von Alina Böttjer und Sascha Krebs

Zu Beginn des Vortrags stellte sich Prof. Dr. Holger Brandes vor und erläuterte seine beruflichen Schwerpunkte. Er ist Psychologe, Pädagoge und hat 15 Jahre lang als Psychotherapeut Gruppen analysiert. Die Gruppenanalyse ist ein Schwerpunkt seiner Arbeit. Zuerst gab er einen theoretischen Input, indem er den Begriff „Kindergruppe“ näher erläuterte. In diesem Kontext sprach er von einer, von den Kindern frei gewählten, Kleingruppe. Er grenzte sie stark von einer vorgegeben Gruppe, z.B. einer Kindergartengruppe ab, da diese institutionell vorgegeben sind. Kleingruppen sind für die Entwicklung von Kindern von großer Bedeutung. Die Aufmerksamkeit in der Diskussion über Bildungsprozesse richtet sich eher einseitig auf das einzelne Kind. Unter gleichberechtigten Partnern in Kindergruppen finden aber ebenso bedeutende Lernprozesse statt. Diese Prozesse sind ebenso konstruktiver Natur und für die Entwicklung von Kindern bedeutsam. Youniss etwa stellt das Individuum in seinen Beziehungen zu anderen in den Vordergrund seiner konstruktivistischen Theorie. Interaktionsbeziehungen zwischen Gleichaltrigen werden als symmetrische Beziehungen bezeichnet. Symmetrische Beziehungen (Kind- Kind) sind förderlicher für die Entwicklung, als asymmetrische Beziehungen (Kind- Erwachsene).
Anschließend wurde der Begriff „Übergangsraum“ erläutert. Zur Verdeutlichung wird der Begriff „Übergangsobjekt“ erläutert. Unter einem „Übergangsobjekt“ versteht man Dinge , welche das Kind von einer Episode in die Nächste begleiten, z.B. der Teddybär, der das Kind vom Elternhaus in dem Kindergarten begleitet. Ähnlich ist es mit dem Übungsraum. Es geht um den Übergang von den familiären zu den gesellschaftlichen Erfahrungen. Es geht um neue Konstrukte. Die effektivste Form ist das Spiel, über das neue Kenntnisse gewonnen werden. Denn hier muss das Kind sich an andere anpassen, in dem es Regeln einhält, mit anderen kommuniziert und Rücksicht nimmt.
Kinder sollte es ermöglicht werden selbsttätig Kleingruppen zu bilden. Bei der Herausbildung von Kleingruppen kann eine Gruppenmatrix beobachtet werden, in der die Mitglieder der Kleingruppen in einer spezifischen Art und Weise miteinander kommunizieren und soziale Netzwerke konstruieren. Umso mehr sich die Gruppen vernetzen, desto größer ist der Freiraum und der Lerneffekt für die Einzelnen.
Gruppen benötigen dabei keine Struktur von außen. Bewegung sollte insgesamt als ganzheitlicher Prozess betrachtet werden. Es besteht eine enge Verbindung zwischen motorischen Bewegungen, kommunikativen Aushandlungen, kognitiven Abstimmungen und affektivem „Tuning“ (Abstimmung). Dabei gilt: Je jünger das Kind, desto eher stehen motorisch- affektive Anteile im Vordergrund. Ab dem Kindergartenalter stehen kommunikativ- kognitive Anteile im Vordergrund.
Gruppenprozesse finden über die Bewegungsebene statt, da Kinder über Bewegung kommunizieren. Durch die Schaffung eines geteilten Themas wird die Basis für Gruppenfähigkeit gelegt. Um diese Kompetenz zu erlangen, brauchen Kinder Unterstützung durch der Fachkräfte. Die Erzieher müssen den Rahmen schaffen, damit die Kinder sich optimal entfalten können (Raum-, Zeitkomponente). Sie sollten so wenig wie möglich und so viel wie nötig eingreifen. ErzieherInnen sollten sich als Begleiter des Prozesses sehen. Die Kinder geben dabei den Weg vor. Für die Erzieher bedeutet dies ein hohes Maß an Zurückhaltung, sowie ein vertrauensvolles Aushalten von Unbestimmtheit.
Die Selbstbildung von Gruppen erfolgt über das Spiel. Das szenische Spiel spielt eine große Rolle. Es wird in drei Bereiche unterschieden.
•    Phantasieszene: die Kinder spielen z.B. Räuber & Gendarm
•    Familienszene: die Kinder spielen Szenen aus ihrem familiären Alltag
•    Szenische Aushandlung von Geschlecht: die Kinder spielen bestimmte geschlechtsspezifische Szenen
Im szenischen Spiel werden soziale Rollen nicht nur nachgespielt, sondern auch in Gruppenprozesen neu erschaffen.

Abschließend lässt sich feststellen, dass gleichwertige Beziehungen zwischen den Kindern für den Bildungsprozess von großer Bedeutung sind. Bewegungsförderung ist von den Rahmenbedingungen, in denen das Kind aufwächst, abhängig.

Marktplatz: Die Praxis in Bewegung

Ergebnisprotokoll der Veranstaltung am 5.5. 2009 von 14.15 – 15.45

Bei der zweiten Ringvorlesung zum Thema „Praxis in Bewegung“ präsentierten Kindertagesstätten aus der Region Hildesheim ihre Bewegungskonzepte und deren Umsetzung in der praktischen Arbeit.

Die erste Einrichtung, die ihr Bewegungskonzept vorstellte, war die Kindertagesstätte „Pusteblume“ aus Hildesheim, die von der Leiterin Frau Binbeck-Zettier vertreten wurde. Die Kindertagesstätte arbeitet nach dem offenen Konzept, in dem die Gruppenräume als Funktionsräume dienen und ist seit 2007 zertifizierte Bewegungskita. Der Standard, so Binbeck-Zettier, wurde schnell erreicht, da man über einen Bewegungsraum und ausreichendes Material verfügte. Auch die vorgegebenen 120 Minuten Bewegung pro Woche wurden erfüllt. Großen Wert legt das Personal der Pusteblume auch auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung ihrer Kinder. So wird einmal in der Woche ein gemeinsames Frühstück angeboten.

Eine weitere Kindertagesstätte, die sich und ihr Bewegungskonzept vorstellte, war die Kita „Moritzberg“. Hier wird die Pädagogik von Maria Montessori umgesetzt. Der Moritzberg wurde von der Leitung Herrn Klimossek präsentiert. Die Kita, welche seit 2006 eine Bewegungskita ist, bietet jeder Gruppe zwei eigene Räume für Bewegungsmöglichkeiten an. Einer davon wird als Bewegungsraum genutzt. Zudem verfügt der Moritzberg über einen großen Bewegungsraum im Keller. Alle Bewegungsräume sind mit unterschiedlichen Materialien, die zum Bewegen anregen sollen, ausgestattet. Dabei gibt es keine festen Zeiten für Bewegung, so dass die Kinder selbst entscheiden können, wann und wie lang sie sich in den Bewegungsräumen aufhalten. Des weiteren berichtete Klimossek, dass man jeden Dienstag mit den Vorschulkindern schwimmen geht und es im Frühjahr und Herbst jeweils eine Waldwoche gibt, in der jede Gruppe eine Woche lang im Wald „lebt“.

Als drittes Projekt stellte Frau Piegenschke die Kindertagesstätte St. Edith-Stein aus Hannover vor. Diese Kita arbeitet in, als „normal“, bekannter Struktur und ohne Zertifizierung. Sie verfügt über kleine, überschaubare Räume und wird zur Zeit saniert. Dies hat zur Konsequenz, dass die Gruppen in Containern untergebracht sind, in denen sehr wenig Platz ist, so Piegenschke. Sie hob jedoch hervor, dass auch auf diesem beengten Raum viel Bewegung möglich ist, wenn man die Raumgestaltung beachte. Piegenschke empfahl das vorhandene Mobiliar durch Umräumen oder Ausräumen mitzunutzen. Außerdem verwies sie auf einfache Materialien und stellte eine Bewegungseinheit vor, bei der man Zeitungen nutzen kann. Auch die Vorbildfunktion der Erzieher beschrieb Frau Piegenschke als sehr wichtig und bekräftigte, dass diese sich ebenfalls mitbewegen müssen.

Als letzte Kindertagesstätte in der Runde, stellten sich die Regenbogenkinder vor. Leiterin Frau Noll berichtete, dass in der sehr kleinen Einrichtung, welche 1 ½ Gruppen beherbergt, Bewegung und eine Bewegungsbaustelle von Anfang an zum Konzept gehörten. So wird der Turnraum beispielsweise jeden Tag mehrfach genutzt. Die Kindertagesstätte nimmt zudem am Dabesia-Projekt (Dabei sein ist alles!) teil. Dieses zertifiziert eine Einrichtung für ein Jahr, wenn es eine bestimmte Punktzahl erreicht hat. Die Punktevergabe bei Dabesia sieht beispielsweise vor, dass jedes Kind für die Freispielphase nur einen Bewegungspunkt bekommt, für ein angeleitetes Bewegungsangebot hingegen 2 Punkte, usw. Auch eine Kinderbewegungsakte muss angelegt und geführt werden.
Des Weiteren sind die Mitarbeiter der teilnehmenden Kita verpflichtet mindestens eine Fortbildung für Dabesia pro Jahr zu besuchen.

Nachdem die einzelnen Kitas sich und ihr Konzept vorgestellt hatten, wurde jedem Teilnehmer der Ringveranstaltung die Gelegenheit gegeben, sich die einzelnen Kitas und deren mitgebrachte Bewegungsmaterialien anzusehen, auszuprobieren und sich mit den jeweiligen Mitarbeitern der Kindertagesstätten auszutauschen und Fragen zu stellen.
Protokollant: Sascha Krebs

Vortrag von Prof. Dr. Dörte Detert von der FH Hannover am 21.4.2009

Ergebnissprotokoll von Alina Böttjer

Die Diskussion über Bewegungserziehung bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen den Bildungsansprüchen nach bestmöglicher Schulbildung, messbaren Leistungen, und der Erziehung zu selbstständigen, kritischen Geistern auf der einen und der Ressourcenorientierung mit ihrer Orientierung am Kind, mit dem Verzicht auf Leistungsdruck, offenen und flexiblen Lernformen und Motivation auf der anderen Seite.

Um das Spannungsfeld zu verdeutlichen, wurde mit allen Teilnehmenden eine praktische Übung durchgeführt. Die Teilnehmenden standen auf und sollten sich mit beiden Beinen fest hinstellen. Dann sollte sich jeder einen Partner suchen und sich ihm gegenüberstellen. Anschließend sollten die Partner ihre Hände mit Kraft gegeneinander drücken. Es sollte also ein Spannungsfeld aufgebaut werden.
Letztendlich sollte die Übung zeigen, dass alle o.g. Aspekte miteinander hergehen, auf einander abgestimmt und quasi mit gleichstarker Kraft aufeinander einwirken müssen. Nur so kann ein ausgewogenes und gleichmäßiges Kraftfeld entstehen!

Von Eltern hört man in der Praxis oft Aussagen, wie z.B. „Die Kinder spielen ja nur.“ „Kinder müssen lernen, still zu sitzen.“ oder „Was hat Bewegung mit Lernen zu tun?“. Solchen Eltern fehlt das Hintergrundwissen, welch große Bedeutung die körperliche Bewegung in der gesamten Entwicklung des Kindes hat. Man muss ihnen deutlich machen, dass Spielen Lernen ist und auch im Orientierungsplan und in Fachforen als Teil des Bildungsauftrages fest verankert ist.
Im Orientierungsplan wird das Kind als aktiver kompetenter Akteur seines Lernens beschrieben. Damit wird deutlich gemacht, dass Bewegung eine subjektive Lernform ist, für die Kinder Zeit benötigen um einen eigenen Rhythmus zu finden. Außerdem ist die Bewegung die Handlungsfähigkeit und wichtigste Form des Kindes sich mit der inneren und äußeren Welt auseinander zu setzen und zu lernen.

Der Bildungsbegriff hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Dazu ein kurzes Statement: „Bildung zielt vielmehr im umfassenden Sinne auf ein aktives Leben in einer menschenwürdigen Gesellschaft. Sie ist Voraussetzung zur aktiven Teilnahme am kulturellen Reichtum und begründet zugleich die Identität des Einzelnen wie der Gesellschaft“ (Forum Bildung 2002).  Der Bildungsauftrag richtet sich nicht an die Institution Kindertageseinrichtung sondern schließt die Familien mit ein. Bildung heißt nicht einfach  nur Wissen zu vermitteln, sondern vor allem und für alle Beteiligten ressourcenorientiert zu handeln.  Besonders wichtig ist es, herauszufinden, welches Lerninteresse die Kinder haben und somit auch, welche Motivation sie leitet.
In diesem Zusammenhang haben die kognitiv- konstruktive und die sozial- konstruktivistische Theorie eine große Bedeutung. Unter kognitiv- konstruktiver Theorie versteht man, dass menschliches Lernen als aktiver, kontinuierlicher Prozess verstanden wird, der auf bestehende Strukturen aufbaut. Menschen lernen subjektiv und konstruiren ihr Wissen selber. Dabei sind die Selbstreflexion, Planungsprozesse, Befolgung von Strategien, Abstraktion und Zielbewusstsein wichtige Faktoren im Lernprozess. Unter der sozial- konstruktivistischen Theorie versteht man, dass die Lernumgebung eine wichtige Rolle spielt, dass das Lernen in sozialen Beziehungen statt findet und das es eine Verbindung zwischen Individuumszentrierung und Umweltzentrierung.
Die Bedeutung der Bewegung wird oft unterschätzt. Bewegung fördert eine gesunde körperliche Entwicklung. Durch Motorik findet eine Auseinandersetzung zwischen Personen, Situationen und Gegenständen statt. Bewegung bedeutet eine Anpassung und eine Veränderung an die (der) Umwelt. Sie bilden eine Basis jeglicher darauf aufbauender Bildungsbereiche. Die Bewegungsentwicklung ist abhängig von Anregungen, Angeboten und Anforderungen der Umwelt.
Die große Bedeutung von Bewegung lässt sich auch neurophysiologisch erklären. Durch Bewegung wird die Ausschüttung von Ausschüttung von Neurotrophinen Rückenmark und in den Muskeln gesteigert. Neurotrophine sind Substanzen, welche die Vernetzung der Nervenzellen untereinander beschleunigen. Das heißt konkret, dass durch Bewegung schneller  neue Informationen aufgenommen und anschließend verarbeitet und gespeichert werden können.

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