Vortrag von Prof. Dr. Holger Brandes, EHS Dresden vom 19.5.2009, 14.15 bis 15.45 Uhr

Ergebnisprotokoll von Alina Böttjer und Sascha Krebs

Zu Beginn des Vortrags stellte sich Prof. Dr. Holger Brandes vor und erläuterte seine beruflichen Schwerpunkte. Er ist Psychologe, Pädagoge und hat 15 Jahre lang als Psychotherapeut Gruppen analysiert. Die Gruppenanalyse ist ein Schwerpunkt seiner Arbeit. Zuerst gab er einen theoretischen Input, indem er den Begriff „Kindergruppe“ näher erläuterte. In diesem Kontext sprach er von einer, von den Kindern frei gewählten, Kleingruppe. Er grenzte sie stark von einer vorgegeben Gruppe, z.B. einer Kindergartengruppe ab, da diese institutionell vorgegeben sind. Kleingruppen sind für die Entwicklung von Kindern von großer Bedeutung. Die Aufmerksamkeit in der Diskussion über Bildungsprozesse richtet sich eher einseitig auf das einzelne Kind. Unter gleichberechtigten Partnern in Kindergruppen finden aber ebenso bedeutende Lernprozesse statt. Diese Prozesse sind ebenso konstruktiver Natur und für die Entwicklung von Kindern bedeutsam. Youniss etwa stellt das Individuum in seinen Beziehungen zu anderen in den Vordergrund seiner konstruktivistischen Theorie. Interaktionsbeziehungen zwischen Gleichaltrigen werden als symmetrische Beziehungen bezeichnet. Symmetrische Beziehungen (Kind- Kind) sind förderlicher für die Entwicklung, als asymmetrische Beziehungen (Kind- Erwachsene).
Anschließend wurde der Begriff „Übergangsraum“ erläutert. Zur Verdeutlichung wird der Begriff „Übergangsobjekt“ erläutert. Unter einem „Übergangsobjekt“ versteht man Dinge , welche das Kind von einer Episode in die Nächste begleiten, z.B. der Teddybär, der das Kind vom Elternhaus in dem Kindergarten begleitet. Ähnlich ist es mit dem Übungsraum. Es geht um den Übergang von den familiären zu den gesellschaftlichen Erfahrungen. Es geht um neue Konstrukte. Die effektivste Form ist das Spiel, über das neue Kenntnisse gewonnen werden. Denn hier muss das Kind sich an andere anpassen, in dem es Regeln einhält, mit anderen kommuniziert und Rücksicht nimmt.
Kinder sollte es ermöglicht werden selbsttätig Kleingruppen zu bilden. Bei der Herausbildung von Kleingruppen kann eine Gruppenmatrix beobachtet werden, in der die Mitglieder der Kleingruppen in einer spezifischen Art und Weise miteinander kommunizieren und soziale Netzwerke konstruieren. Umso mehr sich die Gruppen vernetzen, desto größer ist der Freiraum und der Lerneffekt für die Einzelnen.
Gruppen benötigen dabei keine Struktur von außen. Bewegung sollte insgesamt als ganzheitlicher Prozess betrachtet werden. Es besteht eine enge Verbindung zwischen motorischen Bewegungen, kommunikativen Aushandlungen, kognitiven Abstimmungen und affektivem „Tuning“ (Abstimmung). Dabei gilt: Je jünger das Kind, desto eher stehen motorisch- affektive Anteile im Vordergrund. Ab dem Kindergartenalter stehen kommunikativ- kognitive Anteile im Vordergrund.
Gruppenprozesse finden über die Bewegungsebene statt, da Kinder über Bewegung kommunizieren. Durch die Schaffung eines geteilten Themas wird die Basis für Gruppenfähigkeit gelegt. Um diese Kompetenz zu erlangen, brauchen Kinder Unterstützung durch der Fachkräfte. Die Erzieher müssen den Rahmen schaffen, damit die Kinder sich optimal entfalten können (Raum-, Zeitkomponente). Sie sollten so wenig wie möglich und so viel wie nötig eingreifen. ErzieherInnen sollten sich als Begleiter des Prozesses sehen. Die Kinder geben dabei den Weg vor. Für die Erzieher bedeutet dies ein hohes Maß an Zurückhaltung, sowie ein vertrauensvolles Aushalten von Unbestimmtheit.
Die Selbstbildung von Gruppen erfolgt über das Spiel. Das szenische Spiel spielt eine große Rolle. Es wird in drei Bereiche unterschieden.
•    Phantasieszene: die Kinder spielen z.B. Räuber & Gendarm
•    Familienszene: die Kinder spielen Szenen aus ihrem familiären Alltag
•    Szenische Aushandlung von Geschlecht: die Kinder spielen bestimmte geschlechtsspezifische Szenen
Im szenischen Spiel werden soziale Rollen nicht nur nachgespielt, sondern auch in Gruppenprozesen neu erschaffen.

Abschließend lässt sich feststellen, dass gleichwertige Beziehungen zwischen den Kindern für den Bildungsprozess von großer Bedeutung sind. Bewegungsförderung ist von den Rahmenbedingungen, in denen das Kind aufwächst, abhängig.