Vortrag von Prof. Dr. Dörte Detert von der FH Hannover am 21.4.2009

Ergebnissprotokoll von Alina Böttjer

Die Diskussion über Bewegungserziehung bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen den Bildungsansprüchen nach bestmöglicher Schulbildung, messbaren Leistungen, und der Erziehung zu selbstständigen, kritischen Geistern auf der einen und der Ressourcenorientierung mit ihrer Orientierung am Kind, mit dem Verzicht auf Leistungsdruck, offenen und flexiblen Lernformen und Motivation auf der anderen Seite.

Um das Spannungsfeld zu verdeutlichen, wurde mit allen Teilnehmenden eine praktische Übung durchgeführt. Die Teilnehmenden standen auf und sollten sich mit beiden Beinen fest hinstellen. Dann sollte sich jeder einen Partner suchen und sich ihm gegenüberstellen. Anschließend sollten die Partner ihre Hände mit Kraft gegeneinander drücken. Es sollte also ein Spannungsfeld aufgebaut werden.
Letztendlich sollte die Übung zeigen, dass alle o.g. Aspekte miteinander hergehen, auf einander abgestimmt und quasi mit gleichstarker Kraft aufeinander einwirken müssen. Nur so kann ein ausgewogenes und gleichmäßiges Kraftfeld entstehen!

Von Eltern hört man in der Praxis oft Aussagen, wie z.B. „Die Kinder spielen ja nur.“ „Kinder müssen lernen, still zu sitzen.“ oder „Was hat Bewegung mit Lernen zu tun?“. Solchen Eltern fehlt das Hintergrundwissen, welch große Bedeutung die körperliche Bewegung in der gesamten Entwicklung des Kindes hat. Man muss ihnen deutlich machen, dass Spielen Lernen ist und auch im Orientierungsplan und in Fachforen als Teil des Bildungsauftrages fest verankert ist.
Im Orientierungsplan wird das Kind als aktiver kompetenter Akteur seines Lernens beschrieben. Damit wird deutlich gemacht, dass Bewegung eine subjektive Lernform ist, für die Kinder Zeit benötigen um einen eigenen Rhythmus zu finden. Außerdem ist die Bewegung die Handlungsfähigkeit und wichtigste Form des Kindes sich mit der inneren und äußeren Welt auseinander zu setzen und zu lernen.

Der Bildungsbegriff hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Dazu ein kurzes Statement: „Bildung zielt vielmehr im umfassenden Sinne auf ein aktives Leben in einer menschenwürdigen Gesellschaft. Sie ist Voraussetzung zur aktiven Teilnahme am kulturellen Reichtum und begründet zugleich die Identität des Einzelnen wie der Gesellschaft“ (Forum Bildung 2002).  Der Bildungsauftrag richtet sich nicht an die Institution Kindertageseinrichtung sondern schließt die Familien mit ein. Bildung heißt nicht einfach  nur Wissen zu vermitteln, sondern vor allem und für alle Beteiligten ressourcenorientiert zu handeln.  Besonders wichtig ist es, herauszufinden, welches Lerninteresse die Kinder haben und somit auch, welche Motivation sie leitet.
In diesem Zusammenhang haben die kognitiv- konstruktive und die sozial- konstruktivistische Theorie eine große Bedeutung. Unter kognitiv- konstruktiver Theorie versteht man, dass menschliches Lernen als aktiver, kontinuierlicher Prozess verstanden wird, der auf bestehende Strukturen aufbaut. Menschen lernen subjektiv und konstruiren ihr Wissen selber. Dabei sind die Selbstreflexion, Planungsprozesse, Befolgung von Strategien, Abstraktion und Zielbewusstsein wichtige Faktoren im Lernprozess. Unter der sozial- konstruktivistischen Theorie versteht man, dass die Lernumgebung eine wichtige Rolle spielt, dass das Lernen in sozialen Beziehungen statt findet und das es eine Verbindung zwischen Individuumszentrierung und Umweltzentrierung.
Die Bedeutung der Bewegung wird oft unterschätzt. Bewegung fördert eine gesunde körperliche Entwicklung. Durch Motorik findet eine Auseinandersetzung zwischen Personen, Situationen und Gegenständen statt. Bewegung bedeutet eine Anpassung und eine Veränderung an die (der) Umwelt. Sie bilden eine Basis jeglicher darauf aufbauender Bildungsbereiche. Die Bewegungsentwicklung ist abhängig von Anregungen, Angeboten und Anforderungen der Umwelt.
Die große Bedeutung von Bewegung lässt sich auch neurophysiologisch erklären. Durch Bewegung wird die Ausschüttung von Ausschüttung von Neurotrophinen Rückenmark und in den Muskeln gesteigert. Neurotrophine sind Substanzen, welche die Vernetzung der Nervenzellen untereinander beschleunigen. Das heißt konkret, dass durch Bewegung schneller  neue Informationen aufgenommen und anschließend verarbeitet und gespeichert werden können.