Es war einmal in Holzi...

Stadtoldendorf: Märchen/Sagen

 
           
          

Die Reiter auf dem Holzberge

Unweit Stadtoldendorf liegt der Holzberg, ein lang gestreckter Höhenzug, der oben so gerade wie ein Dachfirst verläuft. Das Gelände an seinem Fuße steigt allmählich, dann immer steiler an, so dass an einigen Stellen, besonders im Nordwesten, das Gestein sich wie eine Mauer aus dem umgebenden Grün erhebt. Diese schroffen Felsen, an denen kein Busch und Baum haftet, heißen die Holzbergklippen. auch einmal wieder nach Linnenkamp und nach den anderen Dörfern am Holzberge. Aber die schon so oft gequälten Bewohner wollten sich die Drangsale nicht länger gefallen lassen, griffen zu ihren Waffen und wehrten sich. Ein Teil der Räuber wurde erschlagen. Die übrigen mussten fliegen und wurden, da ihnen unten der Weg versperrt war, den Holzberg hinangetrieben. Die Tillyschen Reiter erreichten den Wald, immer noch verfolgt von den wütenden Bauern. Unbekannt mit der Höhe, jagten sie gerade auf die Klippen zu. Plötzlich sahen sie den Abgrund vor sich. Aber eine Umkehr war nicht mehr möglich, und Rosse und Reiter stürzten die steile Felswand hinunter.

Da haben einmal viele Reitersleute einen raschen Tod gefunden. Als zu Anfang des Dreißigjährigen Krieges Tilly, der Feldherr des Kaiserlichen Heeres, mit seinen Truppen im Wesertale lag, durchstreiften seine Horden, weit und breit plündernd und Greuel verübend, das Land. Eine Schar Reiter kam

Sage: „Ilse von der Homburg“

Auf der Homburg lässt sich in der Neujahrsnacht eine verzauberte Jungfrau, Namens Ilse, sehen. Mit goldenen Eimern geht sie durch den Wald zum Kattenborn hinab, der unter der Burg liegt. Wer sie begleitet und ihr die Eimer abnimmt, kann die Jungfrau erlösen und die Schätze, die auf der Burg verborgen liegen. Aber die Eimer sind recht schwer, und wer sie nicht bis oben hinauftragen kann, muss seinen Vorwitz büßen. Er wird gelähmt oder fällt tot nieder.

Quelle: A. Teiwes, Die Sagen des Kreises Holzminden, Weserland-Verlag Holzminden 1931/1982. Originaltext

 Sage: „Die weiße Jungfrau auf der Homburg“

Ein Knecht, welcher am Fuße der Homburg die Kühe hütete, sah einst, es war bald am Mittag, eine weiß gekleidete Jungfrau von der Burg herabkommen. Sie kam gerades Wegs zu ihm und sprach, er könne sie erlösen, nur dürfe er sich nicht fürchten; er müsse nämlich dreimal Wasser auf die Burg heraufholen, das erste Mal würden unterwegs viele Rehe auf ihn zukommen und nach ihm sto- ßen, doch täten sie ihm nichts zu Leide; das zweite Mal würden viele Gänse mit langen Hälsen kommen und ihn beißen wollen, doch auch diese würden ihm nichts tun; das dritte Mal endlich würde eine Herde Ochsen mit großen Hörnern und großen glühenden Augen auf ihn losstürzen, aber auch diese würden ihm kein Leid zufügen. Auf die Frage, ob er sie erlösen wolle, erklärte er sich dazu bereit und folgte ihr hinauf auf die Burg. Hier gab sie ihm eine goldene Schanne (Tragholz), woran zwei goldene Eimer hingen; in diesen sollte er dreimal Wasser aus dem Tale heraufholen. Er ging damit hinunter und brachte auch die zwei Eimer voll Wasser auf die Burg; unterwegs waren zwar die Rehe gekommen und hatten nach ihm gestoßen, aber ohne ihm etwas zu Leide zu tun. Als er wieder hinunter gegangen war und zum zweiten Male Wasser heraufholen wollte, begegnete ihm eine ganze Herde Gänse, die ihre langen Hälse nach ihm ausstreckten, als wenn sie ihn beißen wollten, aber auch diese taten ihm nichts, und er kam glücklich wieder oben an. So ging er denn auch zum dritten Male hinunter. Als er aber mit dem Wasser hinaufging, stürzte auf der Mitte des Weges eine ganze Herde Ochsen mit großen Hörnern und großen glühenden Augen  wütend auf ihn los. Bei diesem Anblick ward er bange, warf die Eimer weg und lief davon. Die Jungfrau aber stieß, als sie dies sah, einen gewaltigen Schrei aus und sprach: Nun müsse sie erst wieder eine Eichel pflanzen, und wenn aus dieser ein Baum geworden, und der Baum abgehauen und geschnitten, und aus den Brettern eine Wiege gemacht wäre, dann könne der Knabe, der zuerst darin gewiegt sei, sie wieder erlösen.

Quelle: A. Teiwes, Die Sagen des Kreises Holzminden, Weserland-Verlag Holzminden 1931/1982. Originaltext

 Sage: „Der Schäfer auf der Homburg“

Einem Schäfer, der auf der Homburg die Schafe hütete, erschien im Mittage zwischen elf und zwölf Uhr eine weiße Jungfrau. Auf den Schultern hatte sie ein goldenes Tragholz, woran zwei goldene Eimer hingen; in der Hand hielt sie einen goldenen Schlüssel, den sie fortwährend um den Finger herumdrehte. Sie sprach zu dem Schäfer, er allein könne sie erlösen und sich dadurch große Schätze gewinnen, er möge ihr folgen und auf ihren rechten Fuß treten*. Doch jener weigerte sich beharrlich. Da fing sie an zu wehklagen, nun werde erst in hundert Jahren wieder einer geboren, der sie erlösen könne, und verschwand.

* Bei der Trauung trat der Bräutigam der Braut auf den Fuß zum Zeichen, dass sie von nun an in seiner Gewalt sei.

Quelle: A. Teiwes, Die Sagen des Kreises Holzminden, Weserland-Verlag Holzminden 1931/1982. Originaltext

 Sage: „Die verzauberte Jungfrau auf der Homburg“

Als früher noch die Bauern ihre Pferde in den Kämpen an der Homburg hüteten, sah einmal ein Mann, der auch draußen war, des Nachts eine weiß gekleidete Frau, welche ihm winkte, zu ihr zu kommen. Der Bauer ging hin und erhielt von der Jungfrau den Auftrag, aus dem zweiten Keller der Burg sich so viel Geld zu holen, als er zu tragen vermöchte. Wenn er unverletzt wieder heraus- komme, so würde sie von dem auf ihr liegenden Banne erlöst sein und wieder wie andere Menschen auf Erden wandeln können. Er würde zwar, so sagte sie, in dem ersten Keller zwölf Männer mit langen weißen Bärten und langen Gewändern finden, welche den Schatz zu bewachen hätten. Diese würden ihn auch durch Worte und Gebärden von seinem Vorhaben abzuhalten suchen, aber er solle sich nicht einschüchtern lassen, sondern nur ruhig, ohne sich umzusehen, auf den Eingang zu dem zweiten Keller losgehen und sich die Taschen mit Gold füllen. Wenn er danach die Türen wieder selbst zumache, würden sie ihm nichts anhaben können. Der Bauer ging denn nun, wenn auch mit beklommenen Herzens, in den Keller und fand alles so, wie die Jungfrau ihm gesagt. Doch ließ er sich von den Männern nicht stören, füllte sich die Taschen mit Gold und war eben im Begriff, den Keller zu verlassen, als er im Hinausgehen doch die Türe losließ, die nun unter höllischen Gelächter hinter ihm zugeschlagen wurde. Dabei zerschmetterte sie ihm noch den Hacken des einen Fußes. Oben am Tor wartete bereits die Jungfrau auf ihn, wehklagte ob des nicht geglückten Ausganges des Unternehmens und sagte, dass sie nunmehr so lange unter der Bosheit ihrer Wächter zu leiden hätte, bis von einer Eiche eine Eichel abgefallen, diese zu einem neuen Baume herangewachsen und aus dem Holze eine Wiege gemacht sei. Erst das Kind, das in dieser Wiege geschlafen, sei imstande, den Erlösungsversuch wieder zu wagen. Der Bauer ging mit dem Golde nach Hause, hat aber so lange an dem zerschmetterten Fuße zu heilen gehabt, bis der ganze Schatz wieder ausgegeben war.
Später sind mehrere Nachgrabungen vorgenommen worden, um das Gold zu suchen, doch niemand hat was gefunden. Dagegen erzählten die Schatzgräber nachher, dass nachdem sie schon eine Zeitlang gearbeitet, plötzlich kleine schwarze Hunde mit roten Augen hervorgekommen seien und sie an weiteren Nachgrabungen gehindert hätten.

Quelle: A. Teiwes, Die Sagen des Kreises Holzminden, Weserland-Verlag Holzminden 1931/1982. Originaltext

 Sage: „Die hohle Burg bei Stadtoldendorf“


Version A
Bei Stadtoldendorf, nach Norden zu, liegt die hohle Burg, ehemals der hohle Berg genannt. Sie bildet den Vorsprung des Berges, auf dem vormals die Burg der Bannerherren von Homburg stand.
Von der Burg sind fast alle Spuren verschwunden. Auf der nördlichen Seite ist der Berg bewaldet, die westliche hat einen jähen Aufgang, die südliche erhebt sich aus romantischen Wiesengrün. Der Berg enthält eine Menge runder und viereckiger Höhlen, welche mit Heidekraut, Moos, und Strauchwerk umwachsen sind. Das Volk nennt die zwischen Homburg und Stadtoldendorf liegende hohle Burg auch die Zwergenburg. Vor Zeiten bewohnten Zwerge diese Höhlen, in deren größter sich der König aufhielt; ein unterirdischer Gang führte von hier nach den Burgen Homburg und Everstein. Viele Bewohner der Umgegend sahen die Zwerge der hohlen Burg und wurden von ihnen liebreich nach ihren Wohnungen geführt, bewirtet, beschenkt und freundlich wieder entlassen.
Einst kam eines Abends ein reicher und stolzer Graf vor der hohlen Burg vorüber. Da sieht er eine große erhellte Öffnung im Berge, aus der nach und nach eine große Menge Pferde kommen, auf welchen Zwerge sitzen, die im Mondschein lustig umhertraben. Un- willig darüber, sich und sein Gefolge aufgehalten zu sehen, ruft er mit verächtlichen Worten den Zwergen zu, Platz zu machen und sich zum Teufel zu packen. Alsbald ergreift eines der Männchen den Grafen, reißt ihn von seinem Rosse und bringt ihn schnell nach der hohlen Burg, an deren Eingang zwei große Löwen liegen. Man führte ihn durch das prachtvolle Gemach des ihn stillschweigend anblickenden Königs, wo die Wände mit Gold und silbernem Gestein bedeckt sind, und er gelangte nach einem  großen schattigen Garten mit singenden Vögeln und einem Springbrunnen, aus dessen Röhren Perlen und Diamanten in ein weites Wasserbecken springen. Hier mußte der Graf hämmern, graben, Bäume pflanzen und rauhe Arbeiten verrichten. Seine Mitgefangenen warnten ihn aber, wenn ihm sein Leben lieb sei, nichts gegen den König der Zwerge zu sagen
Eines Tages vergißt der Graf die Warnung und bricht in Schmähworte gegen das Zwerggeschlecht aus. Da erscheint der König, und auf seinen Wink kommen die beiden wachthabenden Löwen und führen den Grafen mit sich hinweg. Auf den Feldern der hohlen Burg haben am anderen Tage die Reisigen (Knechte) des Grafen ihren Herrn sterbend aufgefunden.

Version B
Bei Sonnenaufgang ging ein Einwohner Stadtoldendorfs nach seiner Wiese, um zu mähen. Wie er weit ausfährt mit der Sense, hängt etwas Schweres daran. Er betrachtet es näher und findet ein grünes Netz, in welchem viele Zwerge sich befinden, welche kläglich also sprechen: "Ach! tu uns nichts, laß uns wieder los, wir wollen Dir auch Gold schenken." Der gutmütige Mann lacht und sagt: "Nun meinetwegen, ich habe nichts dagegen! Aber gebt mir auch was!" "Morgen, komm morgen wieder!" rufen die Zwerge freundlich und verschwinden samt ihrem Netze. Andern Tages, da der Schnitter wieder zu seinem Wiesenstück geht, liegen eine Menge häßlicher Torfknollen auf demselben umhergestreut; er weiß nicht, wer ihm den Schabernack angetan, und stößt die Knollen mit dem Fuße zusammen. Da hört er beim Anschlagen ein Klingen wie hellen Glockenklang. Es muß Gold sein, denkt er freudig, und bückt sich, die dicken Klumpen in seinen Korb zu raffen. In diesem Augenblick gewahrt er dicht neben sich das grüne Netz der Zwerge wieder, sieht diese still darunter sitzen und hört sie laut lachen. Dann kommen sie ihm entgegen, bitten ihn mitzugehen, wo es viel schönere Sachen gebe, als auf der Wiese, und führen ihn nach der hohlen Burg zu einer Höhle, in welcher eine Menge Gold aufgeschichtet liegt. Sie füllen ihm seinen Korb damit, leiten ihn freundlich aus der Höhle und machen ihn zum wohlhabenden Man- ne. Auch am Berge spannten die Zwerge ihre Netze aus. Wer nachts vorüber ging, blieb darin hängen und wurde von den Zwergen gefangengenommen. Auf dem Berge gibt es einen unergründlich tiefen Brunnen, in welchem viele noch jetzt große Schätze ver- muten.

Quelle: A. Teiwes, Die Sagen des Kreises Holzminden, Weserland-Verlag Holzminden 1931/1982. Originaltext