Exile on Main Street Ein Rolling Stones Album von 1972. Das Album der Stones, von dem ich der Meinung bin, es ist ihr bestes. Die Stones hatten damals schon eine Menge Geld verdient. Sie hatten schon einige Platten produziert, und einiges hatte sich innerhalb der Band verändert. So starb 1969 der zuvor schon zur Randfigur gewordene Multiinstrumentalist Brian Jones. Seitdem bestimmten Jagger und Richards ungehindert die musikalische Richtung der Band. Beim Konzert auf dem Motorspeedway in Altamont wurde ein junger Mann, ein Farbiger, von den als Ordnern angeheuerten Hells Angels im Handgemenge vor der Bühne erstochen als die Stones gerade spielten. Die Stones selbst, die nicht in Woodstock auftraten, hatten dieses Free-Concert selbst organisiert. Am Ende zeigte sich aber erschreckende logistische Mängel in der kalifornischen Wüste. Das Festival war ein Misserfolg. Der Summer of Love von 1969 endete hier in einem Albtraum. Die Stones selbst kokettierten seit ihrem Album Beggars Banquet von 1969 offensiv mit einem düsteren, dämonischem Image. Dafür stand insbesondere der Song Sympathie for the Devil, den sie nach Altamont jahrelang nicht mehr öffentlich spielten. Es kam hinzu, dass die Band nun eine Menge Geld verdient hatte. Um den Forderungen des britischen Finanzamtes aus dem Weg zu gehen, setzten die Musiker sich ab. Sie gingen nach Südfrankreich. Dort an der Cote d Azur mietete Keith Richards eine Villa. Der drogenabhängige Gitarrist musikalische Kopf der Band und „'unglaublicherTräumer'“ (vgl. Bockris 1993:14, im Original in Anführungsstrichen, weil als Selbstaussage Richards gewertet) führte dort sein wildes Rockstarleben. Nach Angaben seines Biographen Victor Bockris gab er „wöchentlich 7000$ aus“ (Bockris 1993:214), darunter 1000$ für Alkohol und 2500$ für Drogen“ (Bockris Ebenda). Die Aufnahmen zum Album „Exile on Main Street“ fanden im Keller der von Richards gemieteten Villa statt. Dort soll eine Temperatur von 50 Grad Celsius geherrscht haben, Jagger habe es „kaum ausgehalten“ (zit. n. Bockris 1993:217), Richards habe „Unmengen Jack Daniel´s in mich reingeschüttet“ (zit. n. Bockris 1993:217). Es waren nicht nur viele Gastmusiker zugegen (vgl. Bamberg 1999:402), sondern auch eine grosse Zahle Drogenabhängiger: „Eines Tages ging ich ins Wohnzimmer, und da saßen diese zwei finsteren Gestalten; und jeder hatte ein halbes Kilo Heroin im Stiefel, ich hab sie einfach rausgeschmissen. Ich kam mir vor wie im Irrenhaus“ (Anita Pallenberg, damalige Lebensgefährtin von Keith Richards zit. n. Bockris 1993:218). Diese dekadente Atmosphäre aus Drogen, Alkohol und Chaos haben wohl dazu geführt, warum die Musik auf dem Album recht ungehobelt klingt. Desweiteren bestanden mittlerweile Spannungen zwischen Richards und Jagger, die zum einen auf Jaggers Heirat (vgl. Bockris 1993:215) zurückzuführen waren, zum anderen musikalischer Natur waren (vgl. Bamberg 2002:199f.). So war Exile stark von Country-Musik geprägt (vgl. Bamberg ebenda), zu hören auf Stücken wie „Shine a Light“ oder „Loving Cup“. Jagger sei eifersüchtig auf die Musiker gewesen, mit denen Richards jetzt zusammenspielte (vgl. Bamberg 2002:200). Aber auch Blues (z.B. „Stop Breaning Down“, Rock´n´Roll und Rhythm ´n´Blues (z.B. „Rip This Joint“, „Casino Boogie“ und auch Gospel („I Just Want To See His Face“) sind enthalten. Für die abwechslungsreiche Musik sorgten nicht nur die Verarbeitung der musikalischen Einflüsse, sondern auch die Gastmusiker Nicky Hopkins (Piano) oder Bobby Keys (Saxophon), sondern auch der Gitarrist Mick Taylor, der seit 1969 Mitglied der Band war, und der von „Exile...“ noch lange Zeit später begeistert war (vgl. Bamberg 2002257ff.). Auf dem mitreissenden Rocksong „All Down The Line“ und dem Blues „Stop Breaking Down“ ist sein flüssiges, filigranes Gitarrenspiel schön zu hören. Ansonsten lebt das Album zweifellos von wilden, ausgeflippten, morbiden Stimmung, die den massiven Drogenmissbrauch vieler daran Beteiligter widerspiegelt. Aber ebenso auch die Desillusionierung der Zeit nach Altamont. Am Ende stehen die Stones mit ihrem rauen ungeschliffenen Sound dar als harte zynische Realisten, die zeigen , dass Rock´n´Roll neben Auflehnung, Protest und jugendlicher Gegenkultur eben auch vpm ungesunder Ekstase, Depression und Selbstzerstörung handelt . Quellen: Victor Bockris (1993): Keith Richards. Die Biographie des legendären Gitarristen der Rolling Stones. Wilhelm Heyne Verlag, München. Heinz Bamberg (2002): Rolling Stones. Musik, Mythos, Macht. Geschichte und Geschichten zur dienstältesten Rockband der Welt. Schott Musik International, Mainz
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