Aspekte - Supraorganismen

Bewusstsein, Ressourcenknappheit, Sprache

F.J. Rademacher

Der Inhalt und das Thema dieses Textes sind ungewöhnlich und abstrakt, nichtsdestotrotz angesichts der rasanten Entwicklung von großtechnisch vernetzten Einheiten (Supraorganismen) womöglich hochinteressant. Wie entsteht Bewusstsein, denken und handeln Einzelne anders als große Gruppen oder Systeme?

Der Text behandelt das Thema Bewusstsein in Verbindung mit dem Management knapper Ressourcen und sprachähnlicher Mechanismen sowohl für Menschen, als auch in einer partiellen Generalisierung auf Superorganismen. Es wird eine Qualia-freie Betrachtung begründet und gewählt. Die Priorisierung knapper Ressourcen, u. a. in den Bereichen Aufmerksamkeit und Motorik unter Verwendung von immer
ausdifferenzierteren „Argumentationsstrukturen“, „Modellen“ und Simulationsprozessen führt auf die kritische Bedeutung eines rudimentären „Rechners“ als Basis von Bewusstseinsprozessen. Dieser rudimentäre „Rechner“ operiert auf neuronalen Strukturen. Die Basis bilden neuronale Assemblies, die häufig als Repräsentation realweltlicher Phänomene verstanden werden können und die über einen „The- Winner-Takes-It-All“ Mechanismus im Sinne der Braitenbergschen Gedankenpumpe aktiviert werden. Mögliche Evolutionsschritte hin zu solchen Strukturen werden untersucht. Es wird eine Verknüpfung mit einer Vierebenen-Architektur der Repräsentation von Wissen und zu Arbeiten im Bereich Wissensmanagement vorgenommen. Bezüge zu Themen wie Qualia, Repräsentation, Zeitbegriff und Freiheit runden den Text ab.

"Der vorliegende Text ist dabei nicht ausschließlich auf ein Verstehen des Menschen ausgerichtet, sondern wählt einen thematisch weiteren Zugang durch Einbeziehung allgemeinerer Systeme, so genannte Superorganismen, in die Betrachtung. Superorganismen entstehen aus der Koordinierung von Hunderttausenden, oft Millionen für sich lebensfähiger Einzelwesen zu etwas Größerem. Neben Säugetieren, deren Existenz, wie beim Menschen das koordinierte Zusammenwirken von Milliarden Zellen voraussetzt, gehören dazu genauso Ameisenstaaten – oder allgemeiner Insektenstaaten, aber auch Gruppen von Menschen, Unternehmen, die Menschheit als Ganzes oder die gesamte beliebte
Natur (GAIA) [71]. Von der Erweiterung der Fragestellung wird eine Orientierung der Überlegungen hin zu wesentlichen Aspekten erhofft, auch wenn damit natürlich gewisse spezifische Aspekte aus der Betrachtung herausfallen. Der abstraktere Blick kann dann aber auch für die Sicht auf den Menschen hilfreich sein. Mit der Einbeziehung der Betrachtung des Superorganismus Menschheit wird zugleich die von Prinz geforderte Einbeziehung sozialer und kultureller Fragen (vgl. I.1) möglich.

Zusätzlich eröffnet die Frage nach dem Bewusstsein der Menschheit als Ganzes Chancen, mehr über das Bewusstsein an sich zu erfahren. Gibt es ein Bewusstsein der Menschheit, z. B. im Sinne eines planetary conciousness [63, 111], das etwas anderes ist als die Summe der einzelnen Bewusstseins der Menschen über die ganze Menschheit. Diese Frage eröffnet vielleicht den einzigen direkten Zugang eines Menschen zu einem anderen Bewusstsein als seinem eigenen. Vielleicht kann die Betrachtung dieser Frage eine Vorstellung davon geben, wo und wie das Bewusstsein im Menschen verankert ist und was besonders charakteristisch an diesem Konstrukt ist. Zugleich wird an dieser Stelle ein weiterer Gedanke zugrunde gelegt: die Kontinuität in der Evolution der Lebensformen - von sehr einfachen Tieren hin zum Menschen. Diese Sicht lässt es erwarten bzw. macht es plausibel, dass alles irgendwie graduell ist, Emotionalität, Instinkt, Kognition, Empathie, vielleicht auch das Bewusstsein? Gilt das vielleicht auch für die Fähigkeit, mit Symbolen umzugehen oder Sprachfähigkeit zu besitzen. Oder treten bestimmte Fähigkeiten urplötzlich auf - ab einer bestimmten Schwelle? Wenn letzteres der Fall sein sollte, dann folgt sofort die nächste Frage. Ist es dann so, dass irgendwann Eltern, die diese Eigenschaft nicht hatten, Kinder mit diesen Eigenschaften in die Welt gesetzt haben. Und genauso stellen sich Fragen in Richtung auf Maschinen bzw. Roboter. Können sie – hypothetisch - entsprechende Eigenschaften haben oder gibt es irgendeinen prinzipiellen Grund, warum das nicht der Fall sein sollte. Gibt es irgendetwas in der Natur des Menschen, z. B. eine Seele, die über das hinausgeht, was andere Tiere auch haben und was Maschinen potentiell haben können? Und insbesondere, was ist dann eigentlich dieses Wesentliche. Ist es das Bewusstsein?

Für Interesseirte und Menschen, die hart im Nehmen sind, ist der Text verfügbar unter: --> www.faw-neu-ulm.de/index.php