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Psychosoziale Probleme bei der Rehabilitation von Spätertaubten nach Cochlear Implantation - Ausgewählte kommunikative Aspekte und Fragen der Selbsthilfe

Durchführende Institution(en)
Universität Berlin, Institut für Rehabilitationswissenschaften

Projektlaufzeit/ -status
Projektlaufzeit von 1995 bis 1996

Projektleitung/ -mitarbeit
Ola, S. ; Teumer, J. ; Zichner, S. ; Ilchmann, H.

Forschungsschwerpunkte
Selbsthilfegruppen

Ziele
Die im Rahmen einer Diplomarbeit vorgelegte Studie hatte die Erfragung und Darstellung des psychosozialen Erfolges einer Cochlear Implantation (CI) bei spätertaubten Erwachsenen zum Ziel. Hierzu sollten subjektive Einschätzungen der Träger/innen einer Innenohrprothese erforscht werden. Auch die Rolle von SHG bei der Problembewältigung sollte untersucht werden. (Für CI-Träger/innen gibt es seit Mitte der 80er Jahre 23 SHG, in den neuen Bundesländern existierte zum damaligen Zeitpunkt jedoch erst eine Gruppe.)



Forschungsfragen
Als Forschungsfragen wurden von den Autorinnen folgende Fragen formuliert: "1. Wird das Cochlear Implant (CI) zum integralen Bestandteil des Lebensalltags von Spätertaubten? 2. Führt das CI bei den Betroffenen insgesamt zu einer Erhöhung der Lebensqualität und zu einer besseren Bewältigung psychosozialer Probleme, die im Zusammenhang mit der Ertaubung aufgetreten sind? 3. Stellt das CI im Alltag der Spätertaubten, bspw. bei der Bewältigung verschiedener Kommunikationssituationen, eine akzeptable Hörhilfe dar? 4. Bringt das CI den Spätertaubten durch eine verbesserte auditive Selbstwahrnehmung auch Vorteile in der eigenen Sprachproduktion? 5. Nimmt die Hörtherapie im Rahmen der Rehabilitation den größten Raum ein, und wird diese Therapie als ausreichend - insbesondere von denjenigen, die ihr CI bereits mehrere Jahre tragen - empfunden? 6. Wie gross ist das Bedürfnis der spätertaubten CI-Träger, sich in Selbsthilfegruppen zu begeben und welchen Beitrag leisten diese zur Krankheits- bzw. Behinderungsbewältigung sowie zur Bewältigung psychosozialer Probleme im Alltag?"

Methoden
Es wurde mit Hilfe eines Fragebogens eine schriftliche Befragung von spätertaubten erwachsenen CI-Trägern durchgeführt. Die Stichprobe konnte mit Hilfe von 5 medizinischen Einrichtungen und 5 CI-SHG gewonnen werden; 151 Fragebogen mit insgesamt 97 meist geschlossenen Fragen wurden verschickt oder verteilt. Die Rücklaufquote betrug 69,5% (105 Fragebögen), davon konnten n=95 Fragebögen in die Untersuchung einbezogen werden; alle Ausgewählten verfügen über mindestens 6 Monate Erfahrung mit CI. 52 Personen der Untersuchungsgruppe waren Mitglieder einer CI-SHG, 38 Personen waren keine Mitglieder und 5 Personen machten keine Angaben über eine SHG-Mitgliedschaft. Der Fragebogen enthielt einen eigenen Fragekomplex zur Selbsthilfe. SHG-Mitglieder wurden nach ihrer regelmäßigen Teilnahme an den Sitzungen gefragt, nach der Zufriedenheit mit der SHG und den Erwartungen an die Gruppe und nach der Veränderung ihrer sozialen Kontakte seit dem Hörverlust. Außerdem war von Interesse, ob auch Familienmitglieder an den Gruppentreffen teilnehmen. Für Nicht-Mitglieder wurde dem Fragebogen ein Ergänzungsblatt hinzugefügt und das Interesse und die Erwartungen an eine SHG abgefragt, sowie die entsprechende Frage nach der Veränderung der Kontakthäufigkeit seit dem Verlust der Hörfähigkeit gestellt. Eine vorsichtige Schätzung von 1996 weist eine Grundgesamtheit von ca. 1000 spätertaubten CI-Trägern in Deutschland aus. Davon ausgehend beträgt der Anteil der Befragten etwa 10%.

Ergebnisse
Für die meisten Betroffenen wird das Implantat zum integralen Bestandteil des Lebensalltags. Nahezu alle Befragten registrieren positive Einflüsse auf ihren Alltag und auf die Lebensqualität insgesamt. Die Erfassung der Anzahl der Hörgeschädigten, die vor oder nach der Implantation über SHG informiert wurden, ergab 78 Personen (82,1%), wobei von denjenigen, die nicht informiert wurden oder trotz der Kenntnis nicht an SHG teilnahmen (38 Personen), weitere 13 Personen sich für die SHG-Arbeit interessierten. Die Zufriedenheit war bei den Teilnehmenden sehr hoch (88,2% aller SHG-Mitglieder). Ihre Erwartungen an SHG bezogen sich bedeutend mehr auf den Kontakt zu ähnlich Betroffenen als auf eine Verbesserung ihrer Hörfähigkeit oder der Sprache. Die Erwartungen der Nicht-Mitglieder liegen weniger eindeutig im psychosozialen Bereich. Durch Antwortvorgaben nach ihren Gründen befragt, gaben von den 22 Hörgeschädigten, die kein Interesse an einer SHG-Teilnahme bekundeten, 7 an, daß sie keine Zeit hätten, 8 hatten keinen Bedarf, je 1 Person führte uninteressante Themen bzw. häufiger Mitgliederwechsel an, 4 weitere sahen Probleme bei der Organisation der Treffen und insgesamt 12 hatten andere Gründe (davon wiederum wurde 6 mal genannt, daß die Anfahrtswege zu weit wären). Die Frage zur Ab- oder Zunahme der sozialen Kontakte seit dem Hörverlust wurde nicht von allen Befragten beantwortet. Es ergaben sich hier auch keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Obwohl bei allen die Kontaktanzahl insgesamt zurückging, geben die SHG-Teilnehmenden im Gegensatz zu den Nicht-Mitgliedern eine deutlich größere Kontaktzunahme zu anderen Hörbehinderten und Personen außerhalb des Verwandtenkreises an. Die Selbsteinschätzung der Betroffenen ergab bei den SHG-Mitgliedern außerdem ein durchschnittlich besseres Hörempfinden. Festgestellt wurde auch, daß fast die Hälfte der SHG-Teilnehmenden zwischen 50 und 60 Jahren alt ist (46%). Jüngere Spätertaubte zwischen 40 und 50 Jahren sind mit 15% vertreten und die über 60-Jährigen mit 29%. Jünger als 40 Jahre sind nur 10%. Die Vergleichszahlen bei Nicht-Teilnehmenden lauten: 24% zwischen 50 und 60 Jahren; zwischen 40 und 50 Jahren: 16%; über 60 Jahre: 32%. Bei dieser Gruppe sind 28% unter 40 Jahren.

Schlussfolgerungen
Den Ergebnissen der Studie zufolge ist die Cochlear Implantation für spätertaubte Erwachsene eine wirksame Rehabilitationsmethode, mit der die Betroffenen wieder akustische Wahrnehmungen erfahren. Darüber hinaus ergab die Auswertung der subjektiven Daten weitreichende überwiegend positive Veränderungen im psychosozialen und kommunikativen Bereich. SHG sind in diesem Zusammenhang für Erwachsene mit einem CI als unverzichtbarer Bestandteil der Rehabilitation und darüber hinaus anzusehen. Denn die im Rahmen der Rehabilitation stattfindende Hörtherapie wird häufig als nicht ausreichend eingeschätzt. Und es wurde festgestellt, daß SHG einen wesentlichen Beitrag zur Verringerung krankheits- und lebensproblembedingter Belastungen sowie zur Bewältigung psychosozialer Probleme im Alltag leisten. Da von den Befragten 52 SHG-Teilnehmer waren und 38 Personen nicht, konnten die Ergebnisse beider Gruppen verglichen werden. Das Bedürfnis zum Zusammenkommen mit anderen Betroffenen in SHG ist sehr groß, da es bei allen Befragten nach dem Hörverlust zu einer zunehmenden Isolation kam. Die Autorinnen verweisen darauf, daß die Entstehung von und die Kontakte zu CI-SHG in medizinischen Einrichtungen gefördert werden sollten und zwar insbesondere in den neuen Bundesländern. Obwohl der Selbsthilfebereich zunächst nur ein Aspekt von 6 umfangreichen Forschungsfragen war, ist die zum Abschluß des Diplomstudiengangs Sprechwissenschaft/Stimm- und Sprachtherapie der Humboldt-Universität zu Berlin abgefaßte Arbeit für die Selbsthilfe von Interesse. (Von den Autorinnen wird darauf verwiesen, daß wegen technischer Schwierigkeiten mit dem Statistikprogramm nicht die gesamten Daten vollständig ausgewertet und graphisch aufbereitet werden konnten. Dennoch werden die ermittelten Ergebnisse übersichtlich dargestellt und ausführlich erläutert.) Ein ganzes Kapitel des theoretischen Teils behandelt SHG im Gesundheitsbereich und speziell Enstehung, Arbeitsweise und Ziele von SHG für CI-Träger.

Literatur
Ola, S.; Zichner, S. (1999): Das Cochlear-Implant - Erkundungsstudie über die subjektive Einschätzung des Erfolges einer Implantation aus Sicht der Betroffenen bei 95 Spätertaubten unter besonderer Berücksichtigung psychosozialer und kommunikativer Aspekte, in: Sprache/Stimme/Gehör-Zeitschrift für Kommunikationsstörungen, 23, S. 206-212. Stuttgart
Ola, S.; Zichner, S. (1996): Psychosoziale Probleme bei der Rehabilitation von Spätertaubten nach Cochlear Implantation - Ausgewählte kommunikative Aspekte und Fragen der Selbsthilfe. Diplomarbeit. Berlin
Ola, S. (1998): Cochlear-Implantation - Wissensschatz, in: Schnecke, hrsg. von der Deutschen Cochlear-Implant Gesellschaft e.V., 19, Februar, S. 6-10