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Remissionsprozesse bei Alkoholabhängigen ohne formelle Hilfen und mit Selbsthilfegruppenteilnahme

Durchführende Institution(en)
Universität Lübeck (Medizinische Universität), Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Projektlaufzeit/ -status
Projektlaufzeit von 1995 bis 2000

Projektleitung/ -mitarbeit
John, U. ; Hapke, U. ; Meyer, C. ; Bischof, G. ; Rumpf, H.-J.

Forschungsschwerpunkte
Selbsthilfegruppen

Ziele
Ziel der Untersuchung war die Identifikation von auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren von Remissionsprozessen bei Alkoholhabhängigkeit, wobei Personen, die keine formellen Hilfen in Anspruch nahmen verglichen werden sollten mit SHG-Teilnehmern. Zusätzlich sollten Differenzen zwischen den Geschlechtern analysiert werden.



Forschungsfragen
Gefragt wurde danach, ob es in den Mechanismen der Aufrechterhaltung der Remission Unterschiede gibt zwischen Abhängigen mit SHG-Teilnahme und solchen ohne SHG-Teilnahme. Haben Faktoren wie spezielle psychosoziale Probleme, kritische Lebensereignisse oder das Vorhandensein von Ressourcen Einfluß auf die Inanspruchnahme von Hilfe durch Außen und auf die Remission?

Methoden
Über verschiedene Medien wurde um Teilnahme an der Studie gebeten. Schließlich wurden nach speziellen Kriterien 177 Personen, die keine formellen Hilfen in Anspruch genommen und keine SHG besucht haben ausgewählt und befragt. (Der Versuch, bis zu 3 mal an einer SHG-Sitzung teilzunehmen oder den Entzug in einer Klinik vornehmen zu lassen ohne weitere Unterstützung, war kein Hindernis für die Einordnung in diese Gruppe). Als Vergleichsgruppe galten 50 nach denselben Kriterien ausgewählte Personen, die an SHG teilgenommen haben und zwar an mindestens 50 Gruppentreffen. Sie wurden dieser Vergleichsgruppe unabhängig davon zugeordnet, ob sie darüber hinaus auch professionelle Hilfe in Anspruch genommen hatten. Etwa die Hälfte der SHG-Teilnehmer war in einer Gruppe der Anonymen Alkoholiker, 13 waren bei den Guttemplern und 8 Personen beim Blauen Kreuz. Anhand eines standardisierten Fragebogens wurden von geschultem Fachpersonal mit allen 227 Personen persönliche Interviews geführt, die 2-3 Stunden dauerten. Nur bei insgesamt 5 Befragten ergaben sich Ungereimtheiten bei der Überprüfung ihrer Angaben zum Trinkverhalten und zum Aufsuchen von Hilfe; ihre Antworten wurden nicht in die Auswertung einbezogen. Die Abhängigkeit und die Menge des Alkoholkonsums wurde an verschiedenen Skalen gemessen, um vergleichende Aussagen machen zu können.

Ergebnisse
Die Befragten der ersten Gruppe (die nicht an SHG teilgenommen hatten), waren im Schnitt 48,8 Jahre alt; 26% waren Frauen; knapp die Hälfte hatte weniger als 10 Jahre die Schule besucht. Ähnliche Werte ergaben sich bei der Gruppe der SHG-Teilnehmenden: Der Altersdurchschnitt lag bei 52,9 Jahren; Frauen waren zu 24% vertreten; ein wenig mehr als die Hälfte hatte eine niedrige Schulbildung. Es konnte festgestellt werden, daß Teilnehmer an SHG häufiger andere Personen über ihre Alkoholprobleme informieren (hoch signifikant) und häufiger soziale Unterstützung als Coping Strategie für das Verlangen nach Alkohol suchen als Nicht-Teilnehmer. Letzteres gilt unabhängig davon, wieviele Außenstehende über das Problem Alkohol Bescheid wissen. Ansonsten ähneln sich die Verhaltensmuster, die erwähnt wurden bzw. weisen keine signifikanten Unterschiede auf.

Schlussfolgerungen
Insgesamt zeigten Mitglieder einer SHG zu Alkoholproblemen ein höheres soziales Engagement, ihre Genesung aufrechtzuerhalten. Sie konnten freier mit anderen Menschen über ihre (frühere) Abhängigkeit sprechen als Nicht-Teilnehmer. Bei den Gruppenmitgliedern der Anonymen Alkoholiker könnte dies auf deren 12-Punkte-Programm zurückzuführen sein. Abgesehen vom Verhalten der Hilfesuchenden hinsichtlich Unterstützung durch Außenstehende und Informieren von Freunden, Nachbarn, Angehörigen, stützen die Daten die Annahme, daß es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede beim Remissionsprozeß gibt. Nicht diskutiert wird in den vorliegenden Texten die Frage, ob dieses höhere Engagement Ursache oder Folge der SHG-Teilnahme ist.

Literatur
Rumpf, H.-J.; Hapke, U.; Dawedeit, A.; Meyer, C.; John, U. (1998): Triggering and Maintenance Factors of Remitting from Alcohol Dependence without Formal Help, in: European Addiction Research, 4, 209-210