Filmanalyse


5. Kontexte

Mikos nennt vier Kontexte, die für die Bedeutungsproduktion von Filmen relevant sind und sich auf die textuelle, die mediale und die kulturell-gesellschaftliche Ebene von Film- und Fernsehtexten beziehen:

Gattungen und Genres, Intertextualität, Lebenswelten und Diskurs. (S. 53). Der Kontext des Genre (Western, Komödie, Actionfilm, Horror) stellt den Hintergrund dar, vor dem ein einzelner Film und seine Codes Bedeutung gewinnen. So greift ein Film wie „Brokeback Mountain“ Versatzstücke aus der Tradition des Western auf. „Die Kenntnis des Genres und seiner Konventionen schafft eine Art kommunikatives Vertrauen, die Zuschauer können sich ihrer Erwartungen sicher sein.“ (S. 55).

Mit Intertextualität ist die Beziehung eines Film- und Fernsehtextes zu anderen Texten gemeint, wie sie sich in Zitaten, Querverweisen und anderen referenziellen Bezügen zeigt.

Lebensweltliches Wissen und lebensweltliche Bezüge sind ein weiterer Hintergrund, vor dem ein Film verstanden wird, insofern alltägliche Wahrnehmungsmuster und Erfahrungen in das Verständnis eingehen. So führen unterschiedliche lebensweltliche Erfahrungen dazu, einen Film wie Trainspotting entweder als Verherrlichung des Drogenkonsums oder als authentischen Eindruck in da Lebensgefühl von Junkies zu verstehen (Winter, 1998, nach Mikos, S. 59).

Dass der gesellschaftliche Diskurs als notwendiger Hintergrund zum Verständnis eines Films fungiert, erläutert Mikos am Beispiel von Science Fiction-Filmen. Während sich die Science Fiction-Filme der 60er Jahre in den gesellschaftlichen Diskurs des Kalten Krieges einfügten, ist Star Trek eher im Diskurs der multikulturellen Gesellschaft oder des technologischen Aufbruchs verankert ist (S. 54). Weil dieser Aspekt für unsere Seminar von besonderer Bedeutung ist, hier ein längeres Zitat aus Mikos zu diesem Thema Diskurs:

„Als Diskurs wird eine Praxis verstanden, in der Zeichensysteme benutzt werden, um eine soziale Praxis aus einem bestimmten Blickwinkel darzustellen (vgl. Fairclough 1995, S. 1 ff). Daher ist es angebracht, von diskursiven Praktiken zu sprechen, die auf Formationen von Aussagen und Sets von textuellen Arrangements beruhen. Die enge Verbindung der diskursiven Praxis zu Repräsentationen wird an dieser Stelle bereits deutlich. Diskurse vermitteln einen bestimmten Blick auf die soziale Wirklichkeit und auf soziale Praktiken. Sie sind an Medien gebunden. Dabei ist zu bedenken, dass mediale Repräsentationen selbst Diskursereignisse sind, die Realität erst verfügbar machen (vgl. Fiske 1994, S. 4; Winter 1997, S. 56). Diskurse sind zentral, weil sie den Subjekten helfen, Sinn in die Konstruktion der sozialen Realität zu bringen (vgl. Casey/Casey/Calvert u.a. 2002, S. 64), denn sie entfalten strukturierende Kraft. Zugleich sind sie von Macht und Herrschaft durchdrungen. Die ausdifferenzierten Gesellschaften der westlichen Welt sind von einer Multidiskursivität gekennzeichnet (vgl. Fiske 1994, S. 4). Die verschiedenen konkurrierenden Diskurse ringen darum, zu den dominierenden Diskursen in der Gesellschaft zu werden.

Film- und Fernsehtexte als diskursive Praktiken fügen sich in die in der Gesellschaft zirkulierenden Diskurse ein. Damit werden sie selbst zu einem umkämpften Feld. Romantische Komödien wie »Pretty Woman« können im Rahmen diskursiver Praktiken gesehen werden, die romantische Liebe zum Gegenstand haben, stehen damit aber zugleich in Konkurrenz zum Diskurs, der eine Beziehung rein ökonomisch-materiell sieht. Ein Film wie »Jurassic Park« greift den Diskurs um Gentechnologie au£ Ein erfolgreicher Film wie »Titanic« greift nicht nur den Diskurs um Liebe auf, sondern auch Diskurse um Klassengesellschaft, Fortschritt durch Technik und Naturgewalten. Fernsehsendungen wie »Wetten, dass ..?« greifen Diskurse um die Leistungsgesellschaft, um Wetten und Glücksspiel, um Musikstile, um die Rolle von Prominenten in der Öffentlichkeit und um die Rolle von Moderatoren in Fernsehshows auf. Die Sendung »Big Brother« griff Diskurse um Jugendschutz, um die Rolle der Menschenwürde für Fernsehkandidaten, um den Schutz der Privatsphäre, um Generationenverhältnisse, um Bildung und einige mehr auf (vgl. Mikos/Feise/Herzog u.a. 2000, S. 183 ff.). In Filmen und Fernsehsendungen überlagern sich verschiedene Diskurse. Sie werden damit selbst zum Feld der Auseinandersetzung um die Durchsetzung von Bedeutungen. Dadurch sind auch verschiedene Lesarten möglich.

In der Film- und Fernsehanalyse kann herausgearbeitet werden, welche Diskurse in einem Film- oder Fernsehtext eine Rolle spielen und wie die Texte sich dadurch im diskursiven Feld der Gesellschaft verorten. Damit wird u. a. möglich, verschiedene Lesarten zu bestimmen, die im Text, der selbst als diskursive Praxis gilt, angelegt sind. Die Diskurse der Texte stehen aber immer in Bezug zu den Diskursen, die in der sozialen Praxis der Zuschauer zirkulieren. Daher muss die Lebenswelt als ein weiterer Kontext in den Analysen berücksichtigt werden. „ (Mikos, S. 57f.)

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