From Identität

Theorie: Entwertung

Entwertung von Leistung und Erfahrung

Obwohl Amerikaner gewohnt sind, mit mehr Risiko hinsichtlich der Absicherung von Lebensrisiken zu leben gewohnt sind, fühlen sich viele Menschen von den Realitäten, die durch die Globalisierung geschaffen werden radikal überfordert. Dieses Gefühl haben nicht etwa nur Menschen mit geringerem Bildungsstand, sondern vor allem diejenigen, die sich zum Mittelstand rechnen und über diese Zugehörigkeit ihre Identität konstruieren. Diese Menschen sehen sich damit konfrontiert, dass ihr Wissen und ihre Erfahrungen (für die sie Jahre ihres Lebens gelernt haben) auf einmal nichts mehr Wert sind und das Gerede vom lebenslangen Lernen hohle Phrasen sind:

Entwertung von Leistung:

"Obwohl sie [die Arbeitnehmerin] formal einen Zweijahresvertrag hatte, 'haben sie offen gesagt, dass sie mich jederzeit auszahlen und entlassen könnten'." (Sennett: 1998, S. 103)

Das Zitat transportiert die völlige Gleichgültigkeit und das Desinteresse der Firma an der Arbeitsleistung und der Mitarbeiterin als Person. Auch der Hinweis, es warteten "vor der Tür" Menschen, die für weniger Geld arbeiten, entwertet die Leistung der Mitarbeiter.

Entwertung von Erfahrungswissen:

"Du fängst immer wieder bei Null an, du musst Dich jeden Tag wieder neu beweisen."(Sennett: 1998; S. 110)

Arbeiten Menschen auf Dauer nur in kurzfristigen Arbeitsverhältnissen und Projekten und wird von Ihnen erwartet, heute Bäcker und morgen Bürokraft zu sein, so können sie keine Gewissheit darüber gewinnen, auf Grund ihrer Erfahrungen die Zukunft bewältigen zu können. Für ihren neuen Job ist ja die Erfahrung des alten nicht von Bedeutung.

"Im flexiblen Kapitalismus erfahren Menschen, die sich verändern, drei Arten von Unsicherheit, nämlich durch "mehrdeutige Seitwärtsbewegungen" [das bedeutet, der vermeintliche Aufstieg könnte nur eine Ausweichbewegung sein], "retrospektive Verluste" [bedeutet, sinnvolle Risikoabschätzung ist für den Einzelnen im Voraus nicht möglich] und unvorhergesehene Einkommensentwicklung." (Sennett: 1998, Seite 112)

Am Ende seines Buches greift Sennett Überlegungen von Levinas? zu Verantwortlichkeit und Selbsttreue auf. Die Frage: "Wer braucht mich?" ist für Sennett zentral, weil damit das Gefühl persönlicher Bedeutung verknüpft ist. Jeder einzelne muss diese Frage positiv beantworten können, sonst reagieren die Menschen mit Apathie. Sennett sieht eines der wichtigsten Probleme des modernen Kapitalismus in der Beliebigkeit und Austauschbarkeit, der die Menschen unterworfen sind: "Es gibt eine Geschichte, aber keine gemeinsame Erzählung der Schwierigkeiten und daher kein geteiltes Schicksal." (Sennett: 1998, S. 203)

Einen vertiefenden Text finden Sie unter sennett-straßeundbüro.pdf? (nur für autorisierte Teilnehmer/innen)

Retrieved from http://elearn.hawk-hhg.de/wikis/fields/Identitaet/field.php/Theorie/Entwertung
Zuletzt geändert am 11.10.2011 14:50 Uhr