Identität


Die muslimische Umma

Castells bleibt in seinem Buch "Die Macht der Identität" nicht im theoretischen Entwurf, sondern versucht seine Thesen an Hand ganz aktueller politischer oder ökonomischer Entwicklungen in der Welt zu verifizieren. Politische am prägendsten - zumindest seit 2001 für die westliche Welt - ist gerade die Auseinandersetzung von --> amerikanischem Fundamentalismus?, christlicher Prägung und arabischem, moslemischer Prägung. Beides sind Positionen, die sich aus einer religiösen Überzeugung ableiten, das richtige oder gottgefällige zu tun.

Der muslimische Fundamentalismus kommt in seinem Kampf um Anerkennung und Identität dem nahe, was Castells unter Widerstandsidentität beschreibt. Historisch gesehen ereignen sich - in Europa völlig unbeachtet von den meisten Menschen - seit 1970 zwei Geschehnisse nebeneinander: in Amerika und Europa die Geburt der informationstechnischen Revolution und die globale kapitalistische Neustrukturierung und in den muslimischen Ländern (gemäß der Überlieferung) das Jahrhundert des islamischen Neuanfangs, der Reinigung und der Stärkung. Zeitgleich zu diesen religiösen Erfordernissen, bemühen sich die Regierungen der muslimischen Länder, ihre Gesellschaften in moderne Industriegesellschaften umzuwandeln und an den globalen Wettbewerb mit seinen technologischen Revolutionen anzupassen.

Bis dahin waren die meisten muslimischen Länder Agrargesellschaften mit einigen wenigen urbanen Zentren, deren Leben häufig gänzlich anders geprägt war, als in der Provinz. Mit den politischen Kenntnissen von heute, ist Castells zuzustimmen, der sagt, dass die muslimischen Länder den Wettlauf um den wirtschaftlichen Wohlstand für weite Teile ihrer Bevölkerungen verloren haben. (Inwieweit sich dies verspätet für Teile Europas abzeichnet und mit welchen politischen Konsequenzen könnte diskutiert werden.) Eine Identitätsausbildung als ökonomisch abgesicherter, am Fortschritt teilhabender und in der Welt respektierter Bürger und Muslim konnte nicht in ausreichendem Maße konstruiert werden. Nach wie vor leben zu viele Menschen am Rande der Gesellschaft in großer Armut.

Aus dieser Position des Verlierers im globalen Wettbewerb um Wohlstand und Anerkenung hat eine Rückbesinnung - wie oben: ein mischen Neuanfangs, der Reinigung und der Stärkung begonnen. Da Demokratisierung und Übernahme westlicher Ideale nicht den erhofften Wohlstand gebracht hat, findet ein Hinwendung zu traditionellen Werten und der muslimischen Umma statt. Die Gemeinschaft der Gläubigen (Umma) spendet Sicherheit, Sinn und Identität für den Einzelnen. Brisant für den Fundamentalismus in der Welt wird die Umma dadurch, dass sie die Gläubigen eint unabhängig von Nationalgrenzen und weltlichen Staatszugehörigkeiten. Europa versucht immer wieder den Begriff des Kulturkampfes zu vermeiden, in den Augen vieler Muslime ist die neue Bewegung der Reinigung und Stärkung jedoch ein kultureller Gegenentwurf zu den als dekadent und ungerecht empfundenen Gesellschaften des Westens.

Einen vertiefenden Text finden Sie unter castells-einführung-identität.pdf? (nur für autorisierte Teilnehmer/innen) im Abschnitt "Der Himmel Gottes"

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