Maennliche Sozialisation


Fragen: Jungen in der Krise

Jungen haben Probleme und machen Probleme. Viele Probleme lassen sich benennen, aufzählen, statistisch belegen. Fast jedes Buch beginnt damit.

Hier ein etwas umfangreicheres Zitat aus dem einleitenden Aufsatz von Frank Dammasch zu seinem Buch:

"Innerhalb des allgemein bildenden Schulwesens sind inzwischen tendenziell Jungen benachteiligt, und zwar auch dann, wenn das Niveau der Schulleistungen berücksichtigt wird. Bei Betrachtung der Geschlechterproportionen in den Schulformen des deutschen Schulsystems gilt für alle Länder gleichermaßen, dass deutlich mehr Mädchen als Jungen das Gymnasium besuchen. Umgekehrtes gilt für die Haupt- und Sonderschulen, in denen die Jungen überrepräsentiert sind.« (Bildungsbericht für Deutschland 2003 :204)
Im folgenden gebe ich einen kurzen Überblick über statistische Daten und Ergebnisse jüngerer empirischer Forschungsprojekte, die die wachsende Kluft zwischen Jungen und Mädchen veranschaulichen: Im Jahre 1970 besuchten 18% der Jungen und 14,7% der Mädchen das Gymnasium. Im Jahre 1995 besuchten 24,2% der Jungen und 31,6% der Mädchen das Gymnasium. Im Jahr 2002 besuchen 26,4% der Jungen und 33% der Mädchen das Gymnasium (vgl. Nyssen, 2004 : 55).
Weitere Untersuchungen belegen die asymmetrische Geschlechterverteilung in der schulischen Bildung. In der Bundesstatistik zeigt sich ein stetiges Abfallen der männlichen Abiturientenquote von 50% im Jahre 1990 auf 43% im Jahre 2004 (Quelle: Statistisches Bundesamt nach Nyssen, 2004: 54).
In einer Untersuchung des Kriminologischen orschungsinstituts Niedersachsen wurden die statistischen Daten bestätigt . So wurden unter anderem die Schullaufbahnempfehlungen von 6 .000 Jungen und Mädchen der vierten Klasse in der Schülerbefragung 2005 untersucht. Es zeigte sich die gleiche asymmetrische Geschlechterverteilung: »Danach liegen die Mädchen bei der Gymnasialempfehlung klar vorn (40,6% zu 34,1% bei den Jungen), während die Jungen bei den Hauptschulempfehlungen dominieren (31,6% zu 25,9%).« (Mößle, Kleirnann, Rebbein, Pfeiffer, 2006: 3)
Die nationale IGLU-Studie hat den Kompetenzerwerb von Schülern in Lesen, Mathematik und Sachunterricht in der 4. Grundschulklasse untersucht und herausgefunden, dass Mädchen im Lesen besser sind. Die Lesefähigkeit der Jungen hinkt etwa vier Monate denen der Mädchen hinterher (vgl . Bos et al ., 2003).
Die Lesekompetenz der Jungen verschlechtert sich im weiteren Schulverlauf deutlich . Dies ist ein Ergebnis der internationalen Studie PISA, die 15-jährige Schüler und Schülerinnen aller OECD-Länder in allen Schulformen untersucht hat.
»Schließlich ist auch die Tatsache, ein Junge zu sein, im Hinblick auf die Zugehörigkeit zur Gruppe schwacher Leser in allen PISA-Teilnehmerstaaten ein Risiko, allerdings unterschiedlicher Größenordnung. Jungen gehören in allen Sozial- und Bildungsschichten eher zu dieser Problemgruppe. In Deutschland liegen die relativen Risiken von Jungen, zur Gruppe schwacher Leser zu gehören, um etwa 70 Prozent höher als für Mädchen.« (Baumert et al., 2001 : 401)
12,6% der Jungen im Gegensatz zu 6,8% der Mädchen erreichen im Lesen nicht einmal die unterste Kompetenzstufe 1. Die oberen Kompetenzstufen IV und V erreichen 22,3% der Jungen gegenüber 34,6% der Mädchen.
Vertiefend hat die PISA-Studie geschlechtsspezifische inhaltliche Differenzen bei der Lesekompetenz als Grundlagenkompetenz der Bildung untersucht. Während bei der Auswertung von Tabellen, Diagrammen und Karten der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen gering ist, gibt es große Unterschiede beim Erfassen von Erzählungen und Argumentationen:
»Im Vergleich zu Mädchen bereitet es Jungen deutlich größere Schwierigkeiten, Texte und ihre Merkmale kritisch zu reflektieren und zu bewerten.« (Baumert et al., 2001 : 257)"

Diese kognitiven Defizite sezten sich im emotionalen und sozialpsychologischen Bereich fort. Diese Aspekte werden im Aufsatz von Dammasch ausführlich dargestellt.

Ein sehr schöner Einstieg, der über die Liste hinausgeht, ist das Buch von Wolfgang Bergmann: Kleine Jungs - große Not. Wie wir ihnen Halt geben (Düsseldorf und Zürich: Patmos, 2008).

Bergmann erzählt gut, schaut genau hin und vermeidet schnelle Lösungen. Er ist Psychotherapeut, und das bestimmt seinen Blick. Als Therapeut hat er die schwierigsten Jungs als Klienten.

Ich möchte gern mit den Beobachtungen in diesem Buch in die Diskussion starten.

Wir sollten uns dabei immer vor Augen führen, dass nicht alle Jungen die schweren Probleme haben, von denen Bergmann erzählt. Doch vielleicht - und das kennzeichnet ja viele der Argumente in diesem Bereich - können wir aus der Auseinandersetzung mit schwierigen Jungen etwas darüber lernen, was insgesamt in der Sozialisation von Jungen schief läuft.

Literatur

Dammasch, Frank (Hrsg.) Jungen in der Krise das schwache Geschlecht? Psychoanalytische Überlegungen. Frankfurt am Main : Brandes & Apsel, 2008. (Materialien im geschützten Bereich)

Bergmann, Wolfgang: Kleine Jungs - große Not wie wir ihnen Halt geben / Wolfgang Bergmann . Weinheim [u.a.] : Beltz, 2008 2. Aufl (Materialien im geschützten Bereich)

Schnack, Dieter & Neutzling, Rainer: Kleine Helden in Not. Jungen auf der Suche nach Männlichkeit. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl., 2004 7. Aufl. (Der Klassiker, immer noch lesenswert!)

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