Videopraxis


Filmisch erzählen: Der Ton

Die Erzählung auf der Grundlage des Storyboards wird in etwa folgendermaßen aussehen:

"ICE fährt in Bahnhof ein, Daniel im Rollstuhl erwartet ihn voller Staunen. Daniel sitzt im fahrenden Zug, schaut hinaus, isst und spielt mit anderen Personen. Andere Personen - zwei Männer oder Frauen - im Zug im Bild. Daniel auf einem Weihnachtsmarkt, mit Nikolaus, der an einem Stand etwas kauft. Daniel am Karussell und im Rollstuhl, vom Nikolaus geschoben."

Wenn wir davon ausgehen, dass die Geschichte in der chronologisch richtigen Reihenfolge erzählt wird, nehmen wir drei Phasen an: Daniel erwartet den Zug, fährt im Zug in eine andere Stadt, kommt an und begegnet dem Nikolaus.

Diese Geschichte ist in 21 Einstellungen aufgelöst, und die Kamerapositionen und die Einstellungen? sind sicher wert, genau studiert zu werden.

Doch worum geht es wirklich in der Geschichte?

Lesen Sie den Ton.

"Voice over: Manchmal können Wünsche so bescheiden sein. Für Daniel geht heute einer in Erfüllung. Einmal mit dem ICE fahren und den Weihnachtsmann treffen. Der achtjährige hat lange darauf gewartet.

Er ist unheilbar krank, eine schwere Stoffwechselstörung, die unweigerlich zum Tod führt.

0:17 Daniel: Ich könnte mir genausogut meine Krankheit wegwünschen, aber ... aber das schaffen die vielleicht nicht, und ich hatte ja nur'n Wunsch frei.

0:35 VO: Daniels Mutter erzählt, seit er sprechen kann, will er einfach alles übers Zugfahren wissen. Ihr selbst ist vor allem wichtig, ihrem Sohn jeden Wunsch von den Augen abzulesen und ihn seine Krankheit vergessen zu lassen, das gelingt mal mehr, mal weniger."

0:47 Mutter: Manchmal sagt er: "Ich wünschte, es wär vorbei...", und es gibt Tage, da ist er glücklich..., dass er da ist, also.



VO: Heute ist so ein Tag, auch weil es so gute Feen wie Dörte Gudranson von der Aktion Kindertraum gibt. Sie erfüllt schwerkranken Kindern die größten, manchmal auch die letzten Wünsche. Für Daniel hat sie eine Krankenschwester organisiert, weil der Junge jederzeit Atemnot bekommen kann. Meist wären die Eltern allein überfordert.





1:14 DG: Manche Eltern, die von einem Kind eine Diagnose bekommen, sind einfach befangen. Das ist, sie können das nicht umsetzen. Sie möchten gern, aber sie müssen andere Dinge klären, wie z. B. wie geht das Leben weiter, was benötige ich, brauche ich Hilfe, brauche ich Pflege.





1:30 VO: In Hannover wartet Daniels zweite Überraschung. Für ein paar Stunden hat er den Weihnachtsmann ganz für sich allein.



Weihnachtsmann: Weisst du warum ich hier stehe? (Daniel: "Nee.") Weil ich auf einen Jungen warte. Und weisst du, wie der Junge heißt? (Daniel: "Daniel"). Richtig! Die anderen Kinder dachten alle schon, ich wäre ihretwegen da, aber heute ... heute bin ich nur für dich da.

1.57 VO: Daniel flirtet sich über den Jahrmarkt. Ist einfach rundum glücklich. In solchen Momenten atmet auch seine Mutter auf. D: "...einen guten Rutsch ins Neue Jahr..."

2:09 M: Ich bin ja wie gesagt alleine, und wenn solche Aktionen laufen, ist es schon schön, weil man dann merkt, man ist gar nicht alleine. Und dann hilft mir das wieder, um Kraft zu tanken ....

2.22. VO: Und Daniel auch. Zugfahren mit dem Mann im roten Mantel- einfach das Größte. Für den Schwerkranken Jungen steht seit heute fest: er möchte auch einmal Weihnachtsmann werden.

2:31 D: Er braucht gute Ideen, hat er gesagt.







VO: Und kann alle Wünsche erfüllen, meint Daniel. Für ein paar Stunden hat der Junge wirklich alles vergessen, die Schmerzen, die Behinderung, und dass er nie erwachsen werden wird.





Bild und Ton

Wie erwartet enthält der Ton Informationen, die in den Bildern nicht gegeben werden: dass Daniel todkrank ist, dass Zugfahren sein sehnlichster Wunsch war, dass eine soziale Organisation diesen Wunsch erfüllt hat. Die Krankheit erschüttert uns.

Demgegenüber vermitteln die Bilder das Glück und die Lebensfreude, die der Junge für einen Tag empfindet. Der Kommentar gibt dem Film die Ernsthaftigkeit, die Lebensfreude der Bilder löst das Gefühl. Der Kommentar macht diese Bilder verortbar im Kontext der Krankheit. Ton und Bild stehen in einem Kontrast, ein Kontrast, der die Spannung des Films zwischen Furcht und Mitleid (Katharsis nach Aristoteles, griechische Tragödie) ausmacht. Insofern ein großer Film in zweieinhalb Minuten!

Erzählweise und Aufbau (Narration)

Die Einstellungen erzählen die Geschichte in der chronologischen Reihenfolge. Das zeitliche Nacheinander im Film gehorcht noch einem anderen Gesetz: Nacheinander werden dem Zuschauer auch die Akteure vorgestellt, indem sie in kurzen Interviewpassagen zu Wort kommen: Daniel, seine Mutter, Dörte Gudbranson. Auf dem Weihnachstmarkt hören wir O-Töne vom Nikolaus und von Daniel.

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